Eine Warener Vollblut-Lehrerin sagt Tschüss

15. Juli 2023

Ob sie sich im Spätsommer des Jahres 1982 mit einem Trabant zu ihrem ersten Arbeitstag in der Gustav-Sobottka-Schule in der Warener Goethestraße aufmachte, lässt sich nicht mehr so genau sagen. An ihrem gestrigen letzten Schultag fuhr Sylvia Hänsel am Morgen aber mit einem grünen „Trabi“ vor oder besser gesagt, sie wurde vorgefahren. Nach 42 Jahren als Lehrerin in Waren hieß es für die Schulleiterin der Regionalen Schule Waren/West gestern, Abschied zu nehmen. Dass ihr das alles andere als leicht fiel, ist ihren Schülern und Kollegen, die sie mit einem Spalier und dickem Applaus empfingen, sicherlich nicht entgangen – ihre „Chefin“ hatte mit sich und den Emotionen zu kämpfen. Zum Glück waren mit Ehemann Wolfgang und Sohn Marcus (Foto rechts) die beiden Menschen an ihrer Seite, die sie immer unterstützt, aufgefangen und wenn es sein musste, auch mal wieder aufgebaut haben. Denn in 42 Jahren ist einiges passiert im Lehrer-Leben von Sylvia Hänsel, vor allem die letzten 15 Jahre waren sehr schwer, wie sie in einem Gespräch mit „Wir sind Müritzer“ verrät. Das hat einen Grund: Die Bildungspolitik in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in der Stadt Waren.
Doch von Anfang an:

„Wenn ich unterrichtet habe, war ich ich“, sagt Sylvia Hänsel, die auch von ihren Kollegen als Lehrerin durch und durch bezeichnet wird. Es war ihr Wunschberuf, auch wenn sich der im Laufe der Jahre mächtig verändert hat. Durch neue politische Bedingungen, aber auch durch die Mädchen und Jungen, die einem Lehrer heute längst nicht mehr so respektvoll begegnen wie vor 42 Jahren. Ihre ersten Schüler, die sie als Klassenleiterin an der Gustav-Sobottka-Schule – dort steht jetzt das Wohngebiet „Rosengarten“ – betreute, sind mit den heutigen nicht mehr zu vergleichen. Klar, waren ihre damaligen Fünftklässler, die sie – frisch vom Studium in Greifswald gekommen –übernahm und in Geografie und Geschichte unterrichtete, auch keine Engel, bereiteten Sorgen und Probleme und mussten hier und da „gerade geborgen“ werden. Aber Ausfälligkeiten gegenüber Lehrern und gar körperliche Angriffe gab’s so gut wie nie. Heute aber leider schon.

Auch Eltern in der Pflicht

„Die Hemmschwelle – auch im Verhalten der Kinder untereinander – ist gesunken. Respektlosigkeiten gehören zum Alltag“, berichtet die 63-Jährige und sieht noch andere Unterschiede zu damals, die ihr Sorgen bereiten: „Das Allgemeinwissen ist schlechter, es fehlt an sozialer Kompetenz, mit dem Einmaleins, das alle Schüler früher im Schlaf konnten, haben viele schon Probleme.  Auch das verstehende Lesen lässt zu wünschen übrig. Zudem hat die Rechtschreibung gelitten.“ Gründe dafür findet die erfahrene Pädagogin unter anderem im uneingeschränkten digitalen Medienkonsum der Kinder. Dabei sieht sie aber auch die Eltern in der Pflicht. Ohnehin unterstützen Mama und Papa heute weniger die Lehrer, wenn’s mal Probleme in der Schule gibt, sondern eher ihre Kinder – selbst, wenn die ordentlich Mist gebaut haben – Schuld sind eigentlich immer die Lehrer.

Klassenfahrt mit dem „Kleinen Klaus“

Ihre Fünftklässler, die sie 1982 an der neu gebauten Gustav-Sobottka-Schule in Waren übernahm, waren damals jedenfalls sofort begeistert von der jungen Lehrerin, von der sie sich verstanden fühlten, mit der sie auch mal Quatsch machen konnten. So ein bisschen der Kumpel-Typ war die „Neue“, hat sich aber gleich für „Höheres“ empfohlen. Schon kurz nach ihrem Einstieg ins Berufsleben wurde sie stellvertretende Schulleiterin. Ihre Klasse musste sie allerdings schon nach zwei Jahren wieder abgeben – Sohn Marcus kündigte sich an. Dennoch sind ihr die 20 Mädchen und Jungen von damals noch in guter Erinnerung, selbst von der Klassenfahrt mit dem „Kleinen Klaus“ nach Boek schwärmt Sylvia Hänsel heute noch. Als sich ihre einstige Klasse vor kurzem traf, war sie zur Freude all ihrer „Schützlinge“ wie selbstverständlich mit dabei.

An der Sobottka-Schule blieb die Warenerin – hier geboren, hier aufgewachsen, hier bei der Disko in Kamerun ihren Mann kennengelernt – bis 1989. Es war ihre schönste Zeit, wie sie sagt, doch 1989 musste sie sich nach einer Weiterbildung entscheiden: Mit 29 Jahren Chefin in der Reuter- oder in der Kollwitz-Schule. Die Wahl fiel auf die Kollwitz-Schule, denn in der Reuter-Schule lernte sieeinst  selbst und war ja noch gar nicht so lange ‚raus. Nach der Wende wurde – wie in allen Lebensbereichen der einstigen DDR – vieles anders. Auch in den Schulen. Für Sylvia Hänsel ging’s zunächst als Lehrerin an die Wilhelm-Pieck-Schule – den heutigen Hort West. Doch irgendwann stand die Schließung an, obwohl die Lehrer – unter ihnen Sylvia Hänsel – davor eindringlich gewarnt haben. Heute weiß man, dass sie Recht behielten – die Regionale Schule ist für alle Kinder seit Jahren zu klein, der Hort inzwischen ebenfalls. Die 63-Jährige wechselte 2004 zur Engelsschule, also zur Regionalen, wurde dort im Februar 2009 Stellvertreterin und schließlich im Februar 2010 die Chefin.

Behält ihre Schule im Auge

Das ist sie immer noch, denn ihr Ruhestand beginnt offiziell erst am 1. August. Gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, möchte sie endlich ein bisschen mehr vom Leben haben. Seit vielen Jahren ist das Paar gerne auf dem Wasser unterwegs. „Es gibt doch nichts Schöneres, als morgens aufzustehen, ins Wasser zu springen und dann auf der Müritz zu frühstücken“, so Sylvia Hänsel, die kein Mensch für die Couch ist, sondern viel lieber in der Natur „ströpert“. Aber auch andere Reisen, vor allem innerhalb Deutschlands, stehen auf dem Programm. 

Und ihre Schule? Die hat trotz zweier Ausschreibungen noch keinen neuen Chef, der Stellvertreter übernimmt zunächst. Einmischen möchte sich die Fast-Ruheständlerin künftig nicht. Wenn aber ihre Hilfe gefragt ist, will sie da sein. Schließlich gehört sie dem Förderverein weiterhin an. Und schließlich hat sie trotz vieler Kämpfe, trotz ihres unermüdlichen Einsatzes und trotz ihrer zum Teil heftigen und mutigen Dispute mit den Stadtpolitikern noch nicht das geschafft, was sie wollte: Die Regionale Schule ist nach wie vor zu klein für die 550 Mädchen und Jungen. Aber wenigstens gibt es inzwischen ja einen Beschluss für eine Sanierung und einen Anbau. Sylvia Hänsel wird das natürlich im Auge behalten.

In den nächsten Tagen freut sie sich aber erst mal auf ein Roland-Kaiser-Konzert. Und wer weiß, vielleicht sagt sie ja irgendwann mit Blick auf die Stadtpolitik in Waren: „Manchmal möchte ich schon mit Dir…“

Foto oben: Anfahrt mit dem Trabi
Foto im Text: Eine Abschiedskarte ihrer Klasse, die sie gleich nach dem Studium übernahm.

Transparenz-Hinweis: Die Autorin dieses Artikel gehörte zur fünften Klasse der Sobottka-Schule, die Sylvia Hänsel nach dem Studium übernahm.


2 Antworten zu “Eine Warener Vollblut-Lehrerin sagt Tschüss”

  1. Maggi sagt:

    Hut ab, 42 Jahre Schuldienst. Das muß man erstmal durchhalten bei so viel Veränderung in den Schulen. Meine Kinder haben auch in der Engelsschule gelernt, es ist allerdings schon sehr lange her. Es kam schon mal das ein oder andere vor, aber da wurde mit dem Lehrer gemeinsam das Problem gelöst und nicht gegen den Lehrer gearbeitet, so wie es heute oft ist. Respektlosigkeit von Eltern und Schülern ist wohl an der Tagesordnung. Manche Eltern meinen, zum Glück nicht alle, dass ihre Kinder in der Schule erzogen werden müssen. Dafür sind sie, die Eltern zuständig.
    Frau Hänsel wünsche ich einen angenehmen Ruhestand und ganz viel Zeit für die schönen Dinge im Leben, genießen Sie den Ruhestand.
    Mit ganz viel Respekt M.T.

  2. Ingolf sagt:

    Unterrichten in gutem Sinne ist aus meiner Sicht eine ganzheitliche Sache. Das mag sich hochtrabend anhören, trifft jedoch den Kern. Genau das hat Frau Hänsel offensichtlich gemacht. Wem es ein Problem ist, dass es immer mehr abhanden kommt, zusammenhängende Sätze richtig zu schreiben und deren Bedeutung zu wissen, hat sein Handwerk verstanden! Vor kurzem war genau das ein Thema im „Wir sind Müritzer“. Leider scheint es immer weniger Menschen zu geben, die sowas stört. Gute Lehrer, die ihren Beruf tatsächlich als Berufung verstehen, brauchen wir mehr denn je. Das Abarbeiten von Lehrplänen ist die eine Seite. Die Beschäftigung mit den Schülern die (viel wichtigere) andere Seite. Genau letzteres haben wir bei unserem Sohn schmerzlich vermisst. Dann also alles Gute für Frau Hänsel, in der Hoffnung auf eine würdige Nachfolge.