Analyse: Warens Politik im Rückblick und in der Vorschau

12. Mai 2024

Heute in vier Wochen ist Wahltag. Neben der Europawahl steht am 9. Juni die Kommunalwahl an. Auch die Müritzer bestimmen ihre Stadt- und Gemeindevertretungen sowie die Mitglieder des Kreistages für die nächsten fünf Jahre. Erfahrungsgemäß spielen bei Kommunalwahlen die großen bundespolitischen Themen nicht unbedingt die wichtigste Rolle, sondern eher die Dinge, die vor der eigenen Haustür passieren oder eben auch nicht passieren. Ob bei der Entscheidung der Wähler aber wirklich aktuelle deutschlandweite Diskussionen außen vor bleiben, ist fraglich: Die Ampel aus SPD, Grünen und FDP ist so unbeliebt wie keine andere Regierung vor ihr, die CDU macht sich gerade mit ihrer Forderung nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht unbeliebt, die AfD kämpft wegen einiger „Querschläger“ in ihren Reihen um ihren Ruf, und die Linken verlieren immer mehr Mitglieder an das Bündnis von Sarah Wagenknecht. All das lässt auch die Menschen an der Müritz nicht kalt. Gut möglich, dass sie ihre Meinung dazu auf den Stimmzetteln ausdrücken.
Aber vorrangig zählt sicher das Leben in der Heimat. Was ist in den vergangenen Jahren in meiner Stadt, meiner Gemeinde gelungen, was nicht, wer hat sich für was eingesetzt, was wollen die Kandidaten für meinen Ort in der Zukunft erreichen?
Wir haben uns einmal die Warener Stadtvertretung als größte der Müritz-Region genauer angeschaut – die ablaufende Wahlperiode, aber auch die Kandidaten, die es in den nächsten Jahren richten wollen. So viel vorweg: Obwohl das Ehrenamt eines Stadtvertreters unwahrscheinlich viel Zeit kostet, öffentliche Kritik ertragen werden muss und manche Vorhaben einfach nicht voran kommen, haben es die Parteien geschafft, genügend Kandidaten zu finden. Aber: Es stehen weniger Namen auf den Stimmzetteln: 82 Frauen und Männer wollen einen der 29 Sitze und damit 11 weniger als noch 2019.

Den größten Kandidaten-Verlust verzeichnet die SPD. Sie schickte vor fünf Jahren 18 Warener ins Rennen, jetzt sind es nur 10. Die CDU geht mit 12 Leuten an den Start – 3 weniger, die Linken mit 8 – 4 weniger und die Grünen mit 6 – minus 3. Auch die MUG-Liste ist mit 7 Frauen und Männern um zwei Namen kürzer. Deutlich mehr Kandidaten wollen für die AfD politisch aktiv werden – 2019 mit 3 Männern gestartet, stehen jetzt 14 Warener auf dem Zettel der Alternative für Deutschland – plus 11. Die längste Liste präsentiert erneut die FDP und legt sogar noch mal zu. 2019 bewarben sich 21 Liberale um einen Sitz in der Warener Stadtvertretung, jetzt sind es 25.

Bleiben wir gleich mal bei der FDP-Liste, die wird nämlich in Waren bereits scherzhaft „Schnur-Liste“ genannt. Denn neben dem langjährigen Stadtvertreter Toralf Schnur folgt gleich auf Platz zwei seine Tochter Klara Schnur. Die Schülerin, die gerade ihr Abitur macht, ist mit ihren 18 Jahren zugleich die jüngste Kandidatin in Waren und versichert: „Wenn ich gewählt werde, ziehe ich das auch durch und will etwas erreichen.“ Einen erfahrenen Lehrer hat sie mit ihrem Vater Toralf an ihrer Seite. Denn Schnur ist einer von zwei Stadtvertretern, die bei jeder der bisher 34 Sitzungen anwesend waren, er ist derjenige, der die meisten Anträge einbrachte und sich am häufigsten zu Wort meldete. Er ist aber sicher auch der streitbarste Stadtvertreter, der hier und da über die Stränge schlägt, sich auch mal im Ton vergreift, gilt jedoch auch als einer der wenigen, der immer gründlich vorbereitet in die Sitzungen schlendert. Seine abendliche Bettlektüre scheinen politische Vorlagen zu sein.
Ansonsten finden sich bei den Liberalen viele unbekannte Namen. Der Frauenanteil bei der FDP liegt bei 28 Prozent, das Durchschnittsalter der Kandidaten trotz der jungen Schnur-Tochter bei 62 Jahren.

Doch das ist nicht das höchste Durchschnittsalter, das erreichen die acht Kandidaten der Linken, die es auf 68 Jahre bringen. Man könnte die Bewerber als Senioren-Liste bezeichnen, denn 7 von 8 Kandidaten sind Rentner. Hier erneut wie seit Jahrzehnten an der Spitze – Rüdiger Prehn (Foto rechts). In der Vergangenheit hat der jetzige Präsident der Stadtvertretung, Baujahr 1955, häufig geäußert, dass er nicht noch einmal antreten möchte – seiner Frau zuliebe. Die hat sich offenbar nicht durchgesetzt.  Prehn fehlte nur bei zwei von 34 Sitzungen, musste sich häufig gegen Angriffe gegen ihn als Präsidenten wehren, versuchte aber auch bei aufgebrachter Stimmung, die Ruhe zu bewahren und erhitze Gemüter zu beruhigen. Neu und wohl die größte Überraschungen auf den Warener Stimmzetteln überhaupt: Sylvia Hänsel. Die einstige Chefin der Regionalen Schule Waren/West, die sich vor einem Jahr in den Ruhestand verabschiedet hat, will jetzt als Stadtvertreterin der Linken offenbar Einfluss auf die Entwicklung der Schulen nehmen. Der Frauenanteil ist bei den Linken-Kandidaten mit mehr als 62 Prozent am höchsten.

Wenig Überraschendes dagegen in der CDU-Aufstellung: Politiker-„Urgestein“ Ralf Spohr auf Platz eins vor Banker Christian Holz. Holz, der bei der letzten Bürgermeisterwahl antrat, es aber nicht einmal in die Stichwahl schaffte, (Foto rechts) ist der zweite Ehrenamtliche, der alle Sitzungen persönlich mitgemacht hat. Das Durchschnittsalter der CDU-Leute: 51 Jahre, der Frauenanteil nur bei mageren 16,7 Prozent und damit am geringsten von allen Parteien und Vereinigungen, die zur Wahl antreten. In der aktuellen christdemokratischen Fraktion mischt übrigens gar keine Frau mit. Gedrückt wird der Altersdurchschnitt der neuen Kandidaten vor allem durch Eileen Bensch und Henning Muske, beide Baujahr 1983. Neu auf der Liste der CDU auch Sandra Weckert. Sie ist erst vor kurzem zurück in ihre Warener Heimat gezogen, ihre Schwester Christiane Scherfig kandidiert ebenfalls – allerdings nicht für die CDU, sondern die MUG. Auf dem CDU-Blatt findet sich zudem Maik Schmidt– er ist politisch noch nicht in Erscheinung getreten, sondern eher als Makler durch einige verfallene Immobilien wie die Alte Post in der Güstrower Straße und die zerfallenen Häuser in der Burgstraße, für die er verantwortlich zeichnet, bekannt. Ebenfalls wieder mit dabei: René Drühl, der in der jetzigen Legislaturperiode kaum wahrnehmbar war, und wenn, dann – wie bei der Diskussion um die Containerlösung für Flüchtlinge – eher polemisch und aggressiv. Für viele unerwartet: Sebastian Paetsch steht erneut auf der CDU-Liste. Ihm hat man in den vergangenen Jahren bei Abstimmungen und Diskussionen aus den eigenen Reihen immer wieder eine zu große Nähe zur SPD nachgesagt.

Apropos SPD: Spitzenkandidatin ist wieder Nadine Julitz. Dabei scheint sie mit ihren Aufgaben als Landtagsabgeordnete, Mitglied des Kreistages, Stadtvertreterin in Waren, Mitglied im SPD-Landesvorstand, Mitglied im Vorstand der AWO Müritz und inzwischen dreifache Mutter überfordert zu sein. Sie gehört zu jenen Warener Stadtvertretern, die häufig durch Abwesenheit glänzten. Und wenn Sie da war, gab’s von ihr nur sehr selten etwas zu hören. Generell bringt es die SPD-Fraktion nur auf  zwei Anträge/Initiativen in fünf Jahren. Zum Vergleich – in der Statistik stehen für die FDP/MUG-Fraktion 63 Anträge und Initiativen gefolgt von der AfD mit 18. Wieder mit von der Partie bei den Sozialdemokraten: Rentnerin Christine Bülow (Foto rechts), die in der Stadtverwaltung einst für alles Kulturelle zuständig war und wegen ihres unermüdlichen Einsatzes vielen in guter Erinnerung ist. Mit einem Durchschnittsalter von 45 Jahren zählen die SPD-Kandidaten zu den Jüngsten – und – der Frauenanteil ist mit 50 Prozent beachtlich hoch.

Erstmals in der jetzigen Stadtvertretung dabei – die AfD. Frank Müller, Dirk Kriwolat und Wolfgang Dreier bilden eine eigene Fraktion und haben bis zum Schluss durchgehalten. Mussten sie auch, denn Nachrücker standen nicht zur Verfügung. Dabei hat man es ihnen zunächst nicht leicht gemacht. Als „Neulinge“ mussten sie sich erst einmal in die Abläufe und Gepflogenheiten der Stadtvertretung herein finden. Das wurde erschwert, weil mit ihnen niemand etwas zu tun haben wollte. Zudem gab’s Anträge der AfD mit wenig Substanz, die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Die AfD-Leute waren aber generell ein „rotes Tuch“. Egal, was sie gesagt oder beantragt haben – alle anderen Parteien hielten geschlossen dagegen. Das änderte sich im Laufe der Legislaturperiode etwas, einige Politiker verloren die Berührungsängste, es gab hier und da Gemeinsamkeiten in der Sache. Das lag sicherlich auch daran, dass das Trio nur selten typische AfD-Parolen zum besten gab. Mit Wolfgang Dreier, geboren 1944,  stellt die AfD den ältesten Bewerber. Der Altersdurchschnitt der AfD-Kandidaten liegt daher bei 55 Jahren.

Die größten Probleme während der jetzigen Legislaturperiode hatten zweifellos die Grünen. Und zwar Personalprobleme, passt ja in die Zeit. Nachdem auch noch Stefan Dahlmann sein Mandat niedergelegt hatte, gab’s keinen Nachrücker mehr, so dass die Grünen plötzlich nur noch zu zweit in der Stadtvertretung saßen. Das reichte aber nicht mehr für den Fraktionsstatus. Einige Wochen später schmissen sich die Bündnisgrünen Hannes Thies, jetzt Hannes Glause (Foto rechts), und Maik Kolloch, deshalb mit der Fraktion der Linken zusammen. Anträge, Initiativen und Wortmeldungen gab es nur wenige von ihnen, beide stehen aber wieder auf der Kandidatenliste. Trotz der schlechten Erfahrungen mit fehlenden Nachrückern gehen nur sechs Frauen und Männer für die Grünen ins Rennen und damit noch mal drei weniger als 2019. Was den Altersdurchschnitt betrifft, sind die Grünen mit 42 Jahren die Jüngsten, der Frauenanteil liegt bei 33,3 Prozent.

Fehlt noch die Müritzer Unternehmungsgruppe, kurz MUG genannt. Mit nur zwei Vertretern – Ingo Warnke und Olaf Gaulke (Foto rechts) – reichte es nicht für eine eigene Fraktion, so dass man sich entschloss, mit der FDP zusammenzugehen. Ingo Warnke machte zwischenzeitlich keinen Hehl daraus, dass er eigentlich keine rechte Lust mehr auf die Stadtvertretung hat und überlies Toralf Schnur komplett das Ruder. Olaf Gaulke, der als DJ Falo auf den Wahlzetteln steht, kämpfte häufig sichtbar mit öffentlicher Kritik. Die kann er nicht so gut wegstecken und nahm sie zumeist zu persönlich. Beide treten aber erneut für die MUG an. Neu dabei sind unter anderem der als Maler bekannte Daniel Schulz und Sven Bergmann vom gleichnamigen Gartencenter. Das Durchschnittsalter der MUG-Leute liegt bei 56 Jahren, der Frauenanteil bei fast 29 Prozent.

Zu den wichtigsten Themen gehörte in der ablaufenden Legislaturperiode zweifellos die Situation der Warener Schulen. Vor allem die der Regionalen Schule Waren/West. Der Kampf um Lösungen zog sich durch die gesamte Zeit. Inzwischen sind Baupläne beschlossen und Architekten beauftragt. Ein Anbau an die Schule und eine teilweise Sanierung sind die Favoriten. Allerdings nicht bei allen Stadtvertretern. Einige – aber eben nicht die Mehrheit – hätten gerne einen komplett neuen Schulcampus gesehen. Denn die Enge macht nicht nur der Schule, sondern auch dem Hort zu schaffen. 

Ebenfalls ein Thema, das noch nicht zu Ende gebracht wurde – der Ausbau der Steinmole. Nach erhöhten Kosten, Gerichtsprozessen und nicht mehr vorhandener hoher Förderungen soll das jetzt in abgespeckter Form laufen. Baubeginn – ungewiss.

Immer wieder aufgeploppt ist das Thema Schwimmhalle in Waren, denn gerade in Sommermonaten, in denen es häufig regnet, wird klar, dass Waren den vielen Touristen nicht viel zu bieten hat: Am Müritzeum bilden sich meterlange Schlangen. Zudem ist der Schwimmunterricht für Warener Kinder alles andere als komfortabel. Doch trotz immer wiederkehrender Bemühungen einiger Stadtvertreter gibt es bisher kein Bekenntnis zu einer Schwimmhalle. Ein großer Skeptiker ist Warens Bürgermeister Norbert Möller selbst.

Ende vergangenen Jahres flogen dann die Fetzen, als es um Containerstandorte für Flüchtlinge in Waren ging. Letztlich kam es zu einem Bürgerentscheid, die Einwohner stimmten gegen eine Verpachtung von Flächen für diese Container.

Zwischendurch gab’s hier und da kleinere Skandale, wie einen 10 000 Euro-Scheck, den Bürgermeister Norbert Möller an die Georgengemeinde überreichte, es aber gar nicht durfte. Und nicht zu vergessen die Corona-Pandemie, die auch ihre Spuren hinterließ.

Und sonst noch: Der Tourismus beschäftigt viele Warener. Genauer gesagt der „Massen-Tourismus“. Viele Einheimische sehen zwar die Notwendigkeit von ausgelasteten Hotel und Gaststätten, doch fühlen sich immer mehr überrannt, zurückgesetzt und wünschen sich eine Beschränkung. Auch, weil in den vergangenen Jahren etliche normale Wohnungen zu Ferienwohnungen geworden sind. Ein Thema, das die neuen Stadtvertreter sicherlich bald beschäftigen wird.

Und hier alle Warener Kandidaten:


3 Antworten zu “Analyse: Warens Politik im Rückblick und in der Vorschau”

  1. Thomas Splitt sagt:

    Ich hoffe nur das die neuen Vertreter unserer schönen Stadt alles zum Wohle der Bürger und die wichtigen Entscheidungen im Interesse der Stadtentwicklung treffen. Dabei sollten persönliche Ansichten und parteiliche Vorgaben nicht den Ausschlag bei Entscheidungen geben. Es kann und muss nur um unsere Stadt und um jeden Einzelnen gehen.

  2. toberg sagt:

    @ Thomas Splitt 12. Mai 2024 um 10:16 Uhr
    >“ Es kann und muss nur um unsere Stadt und um jeden Einzelnen gehen.“
    Na nicht ganz so Trump like die nur „.. first“ Masche. Waren kann nicht ohne die umliegenden Kommunen und die können nicht ohne das Mittelzentrum Waren.
    Um jeden Einzelnen kann sich die Politik nicht kümmern. Dazu sind die Wünsche, Vorstellungen und Lebensverhälnisse jedes Einzelnen zu unterschiedlich. Eine Stadt sind ALLE. Kommunalpolitik muss verlässliche gute Rahmenbedingungen für ein Leben aller Menschen und der wirtschaftlichen Entwicklung schaffen.
    Es ist natürlich wünschenswert, wenn Kommunalpolitiker persönliche Animositäten im privaten Bereich austragen und in ihrer kommunalpolitischen Arbeit auf die besten Ergebnisse konzentrieren. Das erfordert sicher auch Kompromissbereitschaft.
    Toi toi, dass das in Zukunft gelingt.

  3. Claudia sagt:

    Für mich war dieser Artikel sehr hilfreich. Oder auch im Hinblick auf mein Wahlverhalten auch nicht. Aber ich habe Informationen bekommen, die man nur erhält wenn man einen tieferen Einblick hat. Ich halte überhaupt nichts von der AfD finde es aber sehr gut, daß man hier nicht sofort auf sie eingeprügelt hat. Ich denke man muß dahinter auch immer die Menschen sehen und gucken, was sie machen. Alle fordern, daß man aufeinander zugeht, das sollte dann auch für alle Seiten gelten. Sehr enttäuscht bin ich seit vielen Jahren von Frau Nadine Julitz. Sie hat wirklich nie etwas für uns Bewohner der Müritz-Region getan, sondern kam immer nur mit Ministern und ihrer tollen Freundin Frau Schwesig angereist, wenn Wahlen anstanden. Ich hoffe wirklich sehr, daß die Menschen hier an der Müritz diese Frau langsam durchschaut habe. Wen ich für seinen Einsatz wirklich immer wieder bewundere ist Olaf Gaulke. Der macht wirklich sehr viel für die Stadt Waren.