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Ein Buch der Peinlichkeiten

22. März 2015

„Das neue Stadtadressbuch Waren (Müritz) ist da!!!“ – So kündigt die Verwaltung die zweite Auflage des Heftchens an, dessen Erstausgabe 2013 wegen einer Datenpanne in der Verwaltung eingestampft werden musste. Doch schon ein erster, flüchtiger Blick in das Werk zeigt: Weder die drei Ausrufezeichen sind berechtigt noch ist das Buch die vier Euro Schutzgebühr, die verlangt werden, Wert. Vielmehr ist auch das Adressbuch 2015 an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

Adress15Ob die Daten der Einwohner dieses Mal alle ordnungsgemäß übermittelt wurden, vermögen wir natürlich nicht einzuschätzen, aber was die Leser im Branchenverzeichnis finden, spottet jeder Beschreibung. Obwohl die Neuauflage jetzt über ein Jahr gedauert hat, scheint sich diesen Teil des Buches niemand aus der Verwaltung wirklich gründlich angesehen zu haben. Veraltet, unvollständig, unkorrekt sind noch harmlose Begriffe für das, was dort steht.

Beispiele gefällig? Unter Drogerien findet sich die Drogerie Gustaffson in der Friedensstraße 1. Die hatte früher wirklich einen guten Ruf, junge Erwachsene dürften aber bei dem Namen wohl keinen blassen Schimmer mehr haben, so lange gibt es sie schon nicht mehr.

Auch verkauft Rossmann in dem Buch noch in der Langen Straße 51/52, also dort, wo die Müritzer schon lange bei Ernstings family stöbern.

Oder: Wer kann eigentlich noch etwas mit dem Begriff „Dieselmotorenwerk Rostock“ anfangen? Das findet sich laut Adressbuch 2015 in der Teterower Straße. Gemeint ist sicher das Metallgusswerk, das mal zum Dieselmotorenwerk gehörte. Doch das ist so lange her, dass es längst ein Fall fürs Stadtarchiv sein dürfte.

Wer dem top-aktuellen Werk folgt, versucht vielleicht auch Brot und Brötchen bei Bäcker Deuse in der Goethestraße 1 zu holen. Steht da ja drin. Doch dort gibt’s seit Ewigkeiten keine Backwaren mehr, sondern inzwischen Handys und Co. Guten Appetit!

Auch die heiß geliebte NPD-Stadtvertreterin Doris Zutt kommt in dem Heft zu Ehren. Als Textilhändlerin in der Mozartstraße. Dass ihr „Patriotentreff“, wo sie einst tatsächlich auch Kleidung angeboten hat, zum Glück seit vielen Jahren nicht mehr existiert, ist den Machern des Heftes wohl entgangen.

Wir haben noch mehr: Viele Warener erinnern sich gerne an das Glashaus Holstein, weil sie dort Blumen und Pflanzen gekauft haben. Das Haus steht seit Jahren auf dem Grundstück des Lebenshilfswerkes am Tiefwarensee, laut Adressbuch aber immer noch in der Teterower Straße.

Adress2Buchhändlerin Lohmann, im Heft mit ihrem Laden am Markt angepriesen, genießt inzwischen schon länger ihren wohl verdienten Ruhestand, einen Elektroladen am Neuen Markt können wir auch nicht finden, Radio Roepke in der Müritzstraße ist ebenfalls schon Geschichte genauso wie die Schlosserei Wolgast in der Burgstraße.

Weiß eigentlich noch jemand, was Kieft & Kieft in Waren gemacht hat? So nannte sich mal das heutige CineStar, im Adressbuch hat’s den alten Namen noch.

Auch bei der Auflistung der Restaurants ist absolute Vorsicht geboten. Da gibt’s nämlich noch ein Griechisches Lokal in der Strelitzer Straße. Wer dort heute hungrig erscheint, findet Schrauben und Dübel statt Gyros und Zaziki. Denn an dem Platz steht bekanntlich das Würth-Haus.

Ganz witzig auch, dass es im Stadtadressbuch die Wohnwelt Saß noch zur Warener Geschäftswelt zählt. Die bot ihre Möbel mal dort an, wo sich inzwischen bereits viele Jahre BBM erfolgreich behauptet.

Ein neuer Duft gefällig? Ab zur Parfümerie Walter in die Friedensstraße. Eine Parfümerie hat der Herr Walter da zwar nie betrieben, sondern eine Drogerie, seit mehreren Jahren verkauft dort Optikerin Schädlich moderne Brillen.

Ach ja, eine Spielbank hatte Waren auch mal. Die musste geschlossen werden – zu wenig Zocker. Laut Adressbuch kann man dort allerdings nach wie vor sein Glück versuchen.

Mal schnell Wäsche waschen lassen im Urlaub? Toll, gibt ja einen Waschsalon am Hafen in der Strandstraße 1. Das Problem: Der Italiener, der dort schon viele Jahre seine Gäste verwöhnt, wird die Dreckwäsche wohl kaum annehmen.

Es gibt noch mehr Peinlichkeiten: Am Anfang des Buches ist von der Polizeidirektion Waren die Rede – was schon ganz schön anmaßend ist. Einige Seiten weiter ist es dann die Polizei-Inspektion. Aber auch die gibt es an der Müritz nicht mehr. Waren hat nämlich seit der letzten Polizeireform ein Polizeihauptrevier.

Auch nicht sonderlich gelungen: Der beigelegte Stadtplan: Schon dieser Satz in der Einleitung des Plans dürfte nicht nur bei Lehrer Norbert Möller Brechreiz auslösen: „Die Warener Thermalsole wird nun endlich die Aufmerksamkeit geschenkt, für die über zwanzig Jahre geborgen wurde.“ Aua!

Schon fast niedlich auf der Karte: Nördlich von Waren gibt’s den Ort Pennehagen. Gepennt haben aber eindeutig andere, und nicht die Einwohner von Peenehagen!

Leider finden sich in dem Heft auch Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Nicht nur peinlich, sondern pietätlos!

Ganz ehrlich? Bei so vielen mehr als beschämenden Einträgen: Geld zurück an die werbenden Firmen, dann auch diese Auflage umgehend einstampfen und das Experiment „Adressbuch“, das kein Mensch braucht, ein für allemal beenden!


2 Antworten zu “Ein Buch der Peinlichkeiten”

  1. Marlene sagt:

    Erschreckend! Hier wurde Geld in die Hand genommen und wie so oft… versenkt! Wessen Idee soll denn hier nun auf BIEGEN und BRECHEN verwirklicht werden? Bisher hat doch das „ÖRTLICHE“ vollkommen ausgereicht. Wer mehr Informationen benötigt, blättert bei Google usw…!
    Liebe Grüße, Ihre Marlene!

  2. Norbert Bluhm sagt:

    Zunächst mal: „Hut ab“ vor der Klasse-Recherche von Antje Gest-Rußbüldt & ihre hoffentlich die UnVerantwortlichen treffenden Kommentare.
    WIESO muss sich eine freie Redakteurin die unvergütete Arbeit machen, der hiesigen Verwaltung offenkundige Fehler und Versäumnisse unter die Nase zu reiben? Wieso kann die Verwaltung nicht selbst gewissenhaft und annähernd fehlerfrei arbeiten? [Betrifft beispielsweise auch das „Kultur-Verzeichnis“ von MSE.]
    Bei Projekten irgendwelcher „Behörden“ stellt sich sich mir immer wieder die Frage: WER haftet da mit Geld & ggf. Jobverlust, wenn da fahrlässig oder vorsätzlich Bockmist gebaut wird? Antwort: NIEMAND.
    Der Deutsche Bundestag wird schon wissen, warum er allerlei mehr oder minder Unnützes reguliert, aber nicht wichtige Fragen; z.B. die Haftung für Steuergeldverschwendung…
    Nun müsste sich nur noch herausstellen, dass in neuen Adressbuch wieder Anschriften veröffentlicht wurden, die unter gesetzlichem VÖ-Verbot liegen.
    Ich kauf‘ das Ding dennoch; die erste Ausgabe habe ich versäumt – und bekam sie nach dem Verkaufsstopp weder für Geld noch gute Worte…