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IHK: Berufsschulen müssen attraktiver werden – Wege zu lang

21. August 2019

Die Attraktivität der Berufsschulen muss nach Ansicht der IHKs in Mecklenburg-Vorpommern erhöht werden. Dabei geht es erstens nicht nur um den Erhalt der Beschulungsstandorte in der Fläche, sondern auch darum, dass Prüfungen und Ausbildungen ins Land geholt werden. So zum Beispiel Mediengestalter Bild und Ton, Bootsbauer oder Tierpfleger. Zur Attraktivitätssteigerung gehört zweitens, dass sofort die Kapazitäten der universitären Berufsschullehrerausbildung erhöht werden müssen. Dies muss nach Ansicht der Kammern vor dem Hintergrund erfolgen, weil in den kommenden zehn Jahren 50 Prozent der Berufsschullehrer in Rente gehen. Und schließlich geht es drittens um eine zunehmende Digitalisierung des Lernens.

Mit dem Modell „Haleo“ (Handlungsorientiertes Lernen) haben die Berufsschulen gezeigt, welche qualitativen Effekte durch die Verknüpfung von traditionellem Lernen und E-Learning erzielt werden können. Die in den Pilotphasen gesammelten Erfahrungen und erarbeiteten Strukturen und Lerninhalte dürfen nicht verloren gehen, sondern müssen jetzt in den Berufsschulalltag überführt werden. Diese Forderungen der IHKs sind das Ergebnis ihrer traditionellen Ausbildungsumfrage bei Firmen im Land, die in den zurückliegenden Monaten vor-genommen wurde.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen Licht aber auch Schatten der Rahmenbedingungen beruflicher Ausbildung im Land.

Licht: Die Unternehmen stärken das ehrenamtliche Engagement ihrer Ausbilder in der beruflichen Bildung und integrieren jede Zielgruppe in die Ausbildung. Mit einem hohen Betreuungsaufwand in der Ausbildungstätigkeit gelingt ihnen der Ausbildungserfolg auch für etwas leistungsschwächere Ausbildungseinsteiger. Mit Zusatzangeboten, wie der Förderung der Weiterbildung zu Meistern oder Fachwirten oder fachlichen Zusatzqualifikationen (z.B. 3D- Druck für neue Fertigungsverfahren) wollen sie in der Berufsausbildung die berufliche Karriere fördern.

Schatten: Attraktive Ausbildungsbedingungen liegen nicht alle in der Hand der Unternehmen. Die langen Berufsschulwege machen Ausbildungsangebote für Jugendliche eher unattraktiv. Durchschnittlich 100 Minuten Fahrzeit werden durch die starke Konzentration der Standorte zur Berufsschule benötigt. Ein Ergebnis unter anderem: So viele Unternehmen wie kein Jahr zuvor erhielten gar keine Bewerbungen mehr.

Zu den Ergebnissen der Ausbildungsumfrage im Einzelnen:

Allgemein

Unternehmen spüren den Fachkräftemangel in einigen Branchen oder Regionen bereits seit Jahren. Die Auswirkungen von Fachkräfteengpässen kommen mehr und mehr in der breiten Öffentlichkeit an. Die Konjunkturumfragen der IHKs in MV zeigen verstetigt: Für Unternehmen ist der Fachkräftemangel mehr und mehr das Geschäftsrisiko, das ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Wirtschaftsentwicklung bedroht.

Die Ausbildung junger Menschen im eigenen Betrieb ist zunächst das beste Mittel, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind 2018 deutlich mehr Ausbildungsplätze angeboten worden, als nachgefragt wurden.

Ausbildungsplatzbesetzung

Seit 2013 können Jahr für Jahr mehr Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Nahezu die Hälfte aller Ausbildungsbetriebe (48,4 %) konnte 2018 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Das ist ein neuer Spitzenwert. Von durchschnittlich 5,4 angebotenen Plätzen konnten 1,3 nicht besetzt werden.

Blick auf die Gründe: Ebenfalls neues Hoch: Für 48% der nicht besetzten Plätze lag keine einzige Bewerbung mehr vor.

Eignungsfeststellung

Schulzeugnisse allein sind für die Einstellungsentscheidung nicht mehr ausreichend. Das persönliche Gespräch, Praktika und Probearbeiten sind Instrmente, um die Person „neben den Noten“ kennenzulernen und jedem Bewerber auch eine Chance einzuräumen.

Seit 2011 bemängeln unverändert rund 50% der Betriebe die Rechenfertigkeiten und die Deutschkenntnisse.

Bemerkenswert ist allerdings, dass erstmals mangelnde Leistungsbereitschaft, Motivation und Belastbarkeit weitaus häufiger benannt werden. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Jugendstudien zu den „Generationen Y und Z“, dass Jugendliche sich bewusst damit zurücknehmen. Unternehmen müssen sich notgedrungen darauf einstellen.

Auswirkungen der Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) ab 1.1.2020

Die von der Bundesregierung geplante Mindestausbildungsvergütung (515 € 1. Aj., 615 € 2. Aj., 715 € 3. Aj.) wird nach aktuellen Erkenntnissen wohl nicht zu einem geringeren Ausbildungsangebot führen. Die Industrie- und Handelskammern werden die Einführung der Mindestausbildungsvergütung mit den möglichen Auswirkungen jedoch kritisch begleiten.

Über die reine Ausbildungstätigkeit hinaus unterstützen viele Betriebe die ehrenamtliche Tätigkeit ihrer Mitarbeiter für die berufliche Bildung. Jeder 3. Ausbildungsbetrieb stellt ehrenamtliche Prüfer, die fast ausnahmslos dann generell für die Prüfungen freigestellt werden. Im Berufsbildungsgesetz muss deshalb nicht restriktiv geregelt werden, was bereits gut funktioniert.

Ausländische Auszubildende

Sie bilden mittlerweile eine relevante Größenordnung ab und helfen, Azubi-Engpässe abzumildern (586 Azubis 1. Ausbildungsjahr 2018). Die Unternehmen stellen sich der Herausforderung, benötigen jedoch mehr Erkenntnisse zu ihren Vorkenntnissen, erwarten gute Deutschkenntnisse und im Bedarfsfall weniger „Bürokratie“ für eine ausbildungsbegleitende Sprachförderung sowie für ein erfolgreiches Recruiting.

Rahmenbedingungen zur Erleichterung der Ausbildung

Mit einem Satz: Die Unternehmen brauchen bessere Berufsschulbedingungen.

Weit über dem Bundesdurchschnitt 2019: Jeder zweite Betrieb drängt mittlerweile auf kurze Berufsschulwege. Die weiten Berufsschulwege in MV sind damit laut aktueller Umfrage das Ausbildungshemmnis Nr. 1. Realistische Berufsvorstellungen der Jugendlichen folgen nun erstmals auf Platz 2. Hier scheinen die gemeinschaftlichen Anstrengungen für eine praxisnahe Berufs- orientierung erste Früchte zu tragen.

In der im Sommer 2019 stattgefundenen Azubibefragung des 1. Ausbildungsjahres bemängeln 37% der Auszubildenden die zu langen Berufsschulwege.

Ausbildung und Arbeit 4.0

Die flexibel gestalteten Ausbildungsordnungen ermöglichen es nach Ansicht der Unternehmen, generell auf künftig veränderte Ausbildungsinhalte zu reagieren. Über Zusatzqualifikationen und Projekte vermitteln die Unternehmen vermehrt Wissen und Fertigkeiten in der IT und zu Arbeit 4.0. Dazu nutzen sie auch neue Lernangebote des E-Learning und Blended-Learning in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung. Gleiches wird heute von der Berufsschule erwartet.

Fazit: An allen den Unternehmen zugänglichen Stellschrauben drehen die Unternehmen, um über die zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze ihren Nachwuchs heranzubilden. Dafür brauchen sie einen starken dualen Partner Berufsschule.

Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG)

Vor dem Hintergrund der vorgestellten Ausbildungsquoten im Bereich der beruflich Qualifizierten in MV bewerten die IHKs in MV die im BBiG-Entwurf geplanten neuen Abschlussbezeichnungen „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ als großen Fortschritt. Diese Bezeichnungen können dazu beitragen, die Vergleichbarkeit der beruflichen Abschlüsse mit dem Hochschulweg endlich deutlich zu machen. Sie sind daher hilfreich, mehr junge Menschen – insbesondere Abiturienten – für einen Einstieg in die Berufliche Bildung zu begeistern.

Im Interesse der Fachkräftesicherung wäre es das richtige Zeichen, wenn auch der Bundesrat den Begriffen Bachelor Professional und Master Professional zustimmen würde. Deshalb erwarten die IHKs vom Land dazu eine eindeutige Positionierung zur Stärkung der beruflichen Bildung.

www.neubrandenburg.ihk.de
www.rostock.ihk24.de
www.ihkzuschwerin.de


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