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Peinliches Adressbuch bleibt im Handel

23. März 2015

Trotz der völlig überalterten und fehlerhaften Brancheneinträge im neuen Adressbuch der Stadt Waren hat sich Bürgermeister Norbert Möller (SPD) entschlossen, das Heft nicht einzustampfen und weiterhin für eine Schutzgebühr von vier Euro anzubieten. Das erklärte er in einer Pressemitteilung und versucht zugleich, die Schuld für die peinlichen Eintragungen von der Verwaltung zu schieben.

Adress15 „Wir sind Müritzer“ hat gestern über das Adressbuch und die total veralteten Eintragungen berichtet, heute Vormittag gab es deshalb in der Verwaltung eine „Krisensitzung“. Dabei ist nach Auskunft von Norbert Möller auch darüber nachgedacht worden, das Werk einzuziehen, doch aus finanziellen Gründen soll das „Buch der Peinlichkeiten“ weiter vertrieben werden. Denn in der Broschüre werbe 96 Unternehmen, und die müssten ihr Geld – insgesamt rund 44 000 Euro – dann von der Stadt erstattet bekommen.

Die Stadt habe zwar die Datensätze an den Verlag gegeben, doch die Schuld für die vielen Fehler schiebt sie hauptsächlich den Firmen zu. Die hätten sich nämlich, wie das „Griechische Restaurant“ in der Strelitzer Straße, an dessen Standort schon lange Schrauben verkauft werden, nicht abgemeldet. „Natürlich ist es für den Benutzer eines solchen Adressbuches verwirrend, wenn er über Gewerbetreibende in unserer Stadt informiert wird, die es gar nicht mehr gibt. Das ist selbstverständlich nicht vorsätzlich geschehen, liegt begründet in der Nichtabmeldung von Gewerbeanmeldungen durch die jeweiligen Gewerbetreibenden“, so der Bürgermeister. Das Unverständnis der Bürger können er verstehen und dafür entschuldige er sich auch.

Ein Kommentar zur Entscheidung des Bürgermeisters:

Da wurden ja wirklich schnell Schuldige für das Adressbuch-Dilemma ausgemacht: Die Gewerbetreibenden selbst, die dort noch Jahre, ja Jahrzehnte nach der Geschäftsaufgabe erscheinen. Die haben sich laut Stadt zwar an-, aber nicht wieder abgemeldet.

Na, da sind wir aber froh, dass die Verwaltung nichts dafür kann. Woher soll so eine Behörde auch wissen, dass es schon seit rund 20 Jahren kein Dieselmotorenwerk Rostock gibt, dass die Drogerien Gustavson und Walter ebenfalls längst Stadtgeschichte sind oder dass sich kaum noch jemand an das Griechische Restaurant in der Strelitzer Straße erinnern kann?

Nein, eine Verwaltung kann wirklich nicht wissen, dass der Kinobetreiber gegenüber ihren Büros schon seit etwa zehn Jahren CineStar heißt. Und dass die Wohnwelt Saß ihre Segel streichen musste, hat im Amt auch niemand mitbekommen.  Und warum hat den Mitarbeitern keiner erzählt, dass Warens Spielbank schon lange verloren ist?

Es mutet schon ziemlich erbärmlich an, dass die Stadt den Unternehmen die Schuld in die Schuhe schieben und sich rein waschen will. Nein, lieber Herr Möller: Die Stadt hat diese fehlerhaften Daten herausgegeben und kein anderer. Die Verwaltung hat in diesem Fall versagt. Niemand aus Ihrer Behörde scheint auch nur einen Blick auf diesen Unfug, der da herausgegeben wurde, geworfen zu haben. Oder wollen Sie den Einwohnern wirklich weis machen, dass Ihren Mitarbeitern die erneute Panne nicht aufgefallen wäre, wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, die Branchen-Daten wenigstens einmal durchzulesen?   Antje Rußbüldt-Gest


6 Antworten zu “Peinliches Adressbuch bleibt im Handel”

  1. Dietmar Henkel sagt:

    Wir sind Müritzer übt hier zu recht Kritik an der Gewerbeauflistung. Und natürlich stellt sich Herr Möller vor seine Verwaltung und entschuldigt sich für diese Schlechtleistung. Der Fehler ist aber nicht ein Fehler des Bürgermeisters! Der Fehler ist im Bürgeramt, in meinem Amt aufgetreten. Ja, einige Gewerbetreibende haben sich nicht abgemeldet, aber wir als Amt hätten es kontrollieren müssen. Diesen Fehler müssen wir auswerten, Konsequenzen daraus ziehen und besser arbeiten! Als erste Konsequenz werden wir alle Gewerbedatensätze auf Aktualität überprüfen. Nicht der Bürgermeister, ich muß mich für mein Amt entschuldigen!

  2. oscar sagt:

    Danke für den Kommentar, Frau Rußbüldt-Gest, er trifft den Nagel auf dem Kopf. Nicht zu vergessen ist, dass es die Stadtverwaltung Waren selbst war, die seinerzeit diesen Verlag mit Adressen von Gewerbetreibenden „ausgerüstet“ hat, zu denen dann der Beauftragte des Verlages kam. Diese Gewerbetreibenden durften dann zu nicht niedrigen Preisen dieses „Machwerk“ bezahlen. Da ich seinerzeit selbst betroffen war, weiß ich noch gut, wie dieser „Medienvertreter“ im Auftrage der Stadt mir versuchte klar zu machen, wenn man sich nicht daran beteiligt,gibt es keine Aufträge mehr.Also, die Zuarbeit der Gewerbetreibenden war wohl in Ordnung, Herr Möller! Die Verwaltung unter Ihrem Vorgänger hat wieder einmal die Aufgabe mit der Note 5 erfüllt.

    • Norbert Bluhm sagt:

      @oscar: „…wenn man sich nicht daran beteiligt, gibt es keine Aufträge mehr.“ Interessant; so etwas erfüllt den Strafrechtstatbestand der (versuchten) Nötigung. [Schreiben mit Namen, Adresse, Schilderung des Sachverhalts & Unterschrift – dann kann man diesem Vorwurf nachgehen; nicht mit Anonymität.]
      @Dietmar Henkel: „Hut ab“ für Ihre öffentliche Entschuldigung. Leider zieht diese keinerlei Konsequenzen finanzieller oder personeller Art nach sich.
      Möglicherweise wird die 2. Auflage doch noch eingestampft, wenn sich herausstellt, dass Adressdaten verwendet wurden, gegen deren Verwendung ausdrücklich Widerspruch eingelegt wurde – oder jene, die von Gesetzes wegen nicht verwendet werden dürfen.

  3. Micha sagt:

    Da fragt man sich , für wat die Geld bekommen …..???? Im einziehen ,kassieren sind Sie ja Profis und ins Bild springen für die Zeitung auch ….!!! Konnte man ja schön beobachten die Tage , keine Fragen mehr ….. Hauptsache die Haare liegen……

  4. Auch ich als Geschäftsführer eines der betroffenen Unternehmen komme nicht umhin, mich zu dieser unglaublichen Angelegenheit zu Wort zu melden. Bis zur Privatisierung 1990 trug das heutige Unternehmen Mecklenburger Metallguß GmbH ja tatsächlich den Namen „Dieselmotorenwerk Rostock“ Mit der Privatisierung wurde dann der noch heute gültige Firmenname gewählt und ordnungsgemäß beim Handelsregister angemeldet.
    Vielleicht wollte uns ja auch der äußerst aufdringliche und unangenehm agierende Außendienstmitarbeiter des Verlages einen Denkzettel verpassen. Trotz seiner äußerst aggresiven Vorgehensweise habe ich mich zum Glück nicht zu einem kostenpflichtigen Werbeeintrag drängen lassen und damit auch keine Chance gehabt, den Firmennamen richtig zu stellen.
    Der Stadtverwaltung und speziell Herrn Möller und Herrn Henkel muß ich natürlich sagen, und das werde ich auch noch persönlich tun, dass das so nicht geht und nach meiner Meinung mit einer Entschuldigung nicht abgetan ist. Die Unternehmer, die einen kostenpflichtigen Eintrag geschaltet haben, sind davon ausgegangen, daß ihre Anzeige in einem hochwertigen Buch erscheint, das auch möglichst viele Interessenten findet, die die Anzeige dann auch lesen. Wer kauft, liest nun noch dieses mit so vielen Fehlern behaftete Buch und was ist die Anzeige dann noch wert? Insofern halte ich es für sehr fragwürdig, jetzt zu sagen, dass das Buch erscheinen muß, damit die Stadt die 44000 € nicht zurückzahlen muß. Ich denke, die Unternehmer haben einen Anspruch auf mindestens teilweise Rückerstattung ihrer gezahlten Werbekosten, auch wenn das Buch erscheint. Als von den Unternehmern der Müritzregion gewählter Vizepräsident der IHK fühle ich mich auch verpflichtet, daß mit den Unternehmen, die IHK-Mitglieder sind und natürlich auch mit allen anderen zu besprechen. Und Herr Henkel, so einen groben Arbeitsfehler kann man nicht mit einer Entschuldigung abtun, daß würde zumindest in einem privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht gehen. Bei uns im Unternehmen wird jede Veröffentlichung, selbst eine Weihnachtskarte für die Kunden, mehrfach zur Korrektur gelesen und dann freigegeben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch der Verlag eine schriftliche Freigabe vor dem Druck verlangt hat.

  5. Heinz-Peter Schifflers sagt:

    Die Stadt Waren zeichnet sich mehr und mehr durch eine ganze Serie von
    -PANNEN, PLEITEN und PEINLICHKEITEN- aus. Und das geht geht naturgemäß einher mit einer unverantwortlichen Verschwendung von Steuergeldern. Diese neueste Panne macht nicht nur sprachlos, sie erzeugt Wut über einen nicht zu überbietenden Diletantismus derjenigen, die unsere Stadt, deren Bürger und Leistungsträger vertreten sollen.
    Die Einschaltung der staatlichen Kommunalaufsicht und die Einleitung eines Dienstaufsichtsverfahrens sind dringend geboten. Der Umgang mit Steuergeldern ist nicht beliebig und bedarf einer fachlich qualifizierten und verantwortungsbewussten Handlungsweise. Es ist jedoch ein Systemproblem, daß die Verantwortung für fahrlässiges Verhalten unqualifizierter Repräsentanten einer Kommune nicht auch zur angemessenen Haftung für entstandene Schäden führt. Das wäre in der freien Wirtschaft undenkbar.
    Sorge macht mir der zu Recht wachsende Unmut der Bevölkerung. Sie steht staunend und kopfschüttelnd am Rande und läuft Gefahr, in lethargische Gleichgültigkeit zu flüchten und der inneren Kündigung nach zu geben. Die weiter sinkende Wahlbeteiligung ist eine fatale Nebenwirkung. Es ist zu befürchten, daß dieser politische und handwerkliche Diletantismus der Vertreter der etablierten Parteien den Aufstieg der extremen politischen Gruppierungen von rechts wie links weiteren Vorschub leistet.
    Der wachsende Imageverlust für Waren ist geradezu fatal.
    Ihr Heinz-Peter Schifflers