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Von der Pest bis zur Cholera: Ein Blick in die Warener Geschichte der Epidemien

15. November 2020

Corona ist nicht die erste Epidemie, die den Menschen zu schaffen macht. Aus aktuellem Anlass heute mal ein Blick des Stadtgeschichtlichen Museums Waren in die Vergangenheit mit der verblüffenden Erkenntnis, dass es durchaus Parallelen zu heute gibt:  Im Jahre 1451 war es die Pest, 1580 eine Flußfieber-Epidemie, drei Jahre später erneut die Pest, ebenso 1624/25… Auch damals versuchte man, sich mit Masken vor Ansteckung zu schützen. Ein bekanntes Beispiel und sehr prägend in der Darstellung der Pest waren die Schnabelmasken (Foto), die die sogenannten Pestdoktoren im 17. Jahrhundert in Italien und Frankreich trugen. Im Schnabel steckte ein mit duftenden Essenzen getränkter Schwamm, der vor dem „Pesthauch“ schützen sollte. Manchmal vertraute man auch auf etwas Kraut vom Engelwurz, das gegen die Pest helfen sollte, wenn man es bei sich trug. Wohnräume und Häuser wurden ausgeräuchert, dass es „stank wie die Pest“, oder auch gleich ganz dem Feuer übergeben…

Heute sieht man die Schnabelmasken noch im Venezianischen Karneval, in den sie als eine Form der traditionellen Gesichtsmasken eingegangen sind.

Die letzte große Seuche, die Waren heimgesucht hat, war die Cholera am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie bescherte Deutschland die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in den Großstädten und Waren den baldigen Baustart für das Wasserwerk. Die unmittelbaren Maßnahmen gegen die im August 1892 von Hamburg ausgehende Choleraepidemie unterschieden sich nicht sehr von den aktuellen Einschränkungen. Eine Gesundheitskommission wurde eingesetzt. Die öffentlichen Sedanfeiern am 2. September (jährlich begangen zur Erinnerung an die mit diesem Tag verbundene Wende im Deutsch-Französischen Krieg 1871) fielen ebenso aus wie alle Tanzvergnügen. Kleidungsstücke und Wäsche aus Choleraorten mussten desinfiziert werden. Der öffentliche Verkauf von Obst und der Handel mit Lumpen wurden bei Strafe verboten.

Handwerksmeister und andere Arbeitgeber durften keine Leute einstellen, die in den letzten sechs Tagen in einem „Cholerarort“ waren. Am 31. August 1892 veröffentlichten Bürgermeister und Rat unter anderem ein landespolizeiliches Verbot, Stellen, „von welchen Wasser zum Trinken oder zum Hausgebrauch entnommen wird, und deren nächste Umgebung zu verunreinigen“. An Wasserentnahmestellen oder in deren Nähe durften Gefäße oder Wäsche nicht gespült werden. „Dort, wo es nothwendig erscheint, wird die sofortige Räumung der Dunghöfe beziehungsweise Dung- und Jauchegruben und die Leerung der Aborte angeordnet werden.“ Allen Hauseigentümern oder Mietern wurde es zur Pflicht gemacht, bis auf weiteres täglich die Straße vor den betreffenden Häusern zu reinigen, die Jaucheabflüsse und alle Abwässerführenden Rinnsteine und Abflussrohre zu spülen und die selben und überhaupt alle Rinnen bis zum Straßendamm und alle Rinnsteine längs des Straßendammes täglich mit Kalkmilch auszuschwemmen – nicht zu sprengen.

Die Bestimmungen wurden nach dem 21. September 1892 gelockert, der Verkauf von reifem Obst wieder gestattet. Die Straßen-Rinnsteine waren nach wie vor täglich zu reinigen, aber nur noch einmal wöchentlich wie die Abtritte und Dungstellen zu desinfizieren. „In den Wirtshäusern, Restaurationen und Herbergen müssen alle Bedürfnißanstalten täglich desinfizirt werden.”
Noch am 14. September 1892 war allen, „die in Bäckerläden und Conditoreien einkaufen, das Befühlen des Backwerks bei Strafe untersagt” worden.

Eine Lehre aus dem Auftreten der Cholera im Spätsommer 1892 war ein Jahr später die von Bürgermeister und Rat am 8. Juli 1893 erlassene Verfügung, Dunggruben auf den Höfen wasserdicht auszumauern und „zur Abführung der Spülwässer und der Jauche undurchlässige Rinnen anzulegen.“ Vermutlich aus gleichem Grund – der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse – wurde im Juli 1893 der Handel mit größerem Vieh und Schlachtvieh auf den Warener Wochenmärkten verboten. Größere Viehmärkte fanden danach in Waren nicht mehr statt.

1896 schließlich, wie oben gesagt, wurde der Vertag zum Bau des Wasserwerks abgeschlossen. Noch war die Cholera-Epidemie vier Jahre zuvor in Erinnerung. Auf eine Kanalisation mussten die Warener Einwohner aber bis 1929, auf eine Kläranlage bis 1969 warten. Eine Cholera-Epidemie trat seither nicht mehr auf.

© DEUTSCHES MEDIZINHISTORISCHES MUSEUM INGOLSTADT. FOTO: MICHAEL KOWALSKI

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