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„Will nicht Totengräber der Stadt sein“

26. Mai 2014

Eigentlich hat er in den vergangenen Wochen keinen Hehl daraus gemacht, dass es passieren kann, und dennoch hat der angekündigte Rücktritt von Malchows Bürgermeister Joachim Stein (Grüne) heute Vormittag viele Inselstädter überrascht. Selbst die Rathaus-Mitarbeiter schauten ungläubig, als sie die Nachricht im Internet fanden.

„Ich habe schon vor Wochen gesagt, dass ich bei einem gewissen Ausgang der Wahl die Konsequenzen ziehe. Wir wollten mit zwei Fraktionen eine Mehrheit erreichen, das ist uns leider nicht gelungen“, begründete Joachim Stein gegenüber WsM. Schon seit fast zehn Jahren gebe es in der Stadtvertretung Auseinandersetzungen, die das Arbeiten immer schwieriger gemacht hätten, meinte der 66-Jährige und erinnerte an die heftigen Diskussionen zum geplanten Bau des Stadthafens.

In der letzten Zeit sei von der „Opposition“ dann der Wiedereintritt in den Kommunalen Arbeitgeberverband aufs Trapez gebracht worden. Dagegen wehrt sich Stein vehement. „Wenn die Mitarbeiter der Verwaltung wieder Tarifgehalt bekommen, muss massiv bei den freiwilligen Leistungen gestrichen werden. Das will ich als Bürgermeister nicht durchsetzen. Ich möchte nicht der Totengräber der Stadt sein“, sagte der Bündnisgrüne, der im Sommer 22 Jahre in Malchow regiert. Auch verhehlt er nicht, dass ihn die zum Teil sehr persönlichen Angriffe während des Wahlkampfes, die nicht nur ihn, sondern auch seine Familie betroffen hätten, sehr nahe gegangen seien.

Aber Joachim Stein geht erhobenes Hauptes. Der gebürtige Malchower will seiner Inselstadt treu bleiben, vertritt seine Partei im Kreistag Mecklenburgische Seenplatte und zitiert am Ende seiner Begründung Winston Churchill mit dem Satz: „Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient.“

Eine, die heute besonders traurig an ihrem Arbeitsplatz sitzt, ist Margret Kamin. Sie arbeitet seit rund 20 Jahren für den Malchower Verwaltungschef als Sekretärin und kann sich noch gar nicht vorstellen, wie es ohne ihn sein wird. „Einerseits bin ich sehr traurig, andererseits kann ich Herrn Stein nach allem, was passiert ist, auch verstehen“, sagte sie gegenüber WsM.

Foto unten: Bürgermeister Joachim Stein mit Wirtschaftsminister Harry Glawe bei der Grundsteinlegung für die neue Malchower Drehbrücke.

Stein


Eine Antwort zu “„Will nicht Totengräber der Stadt sein“”

  1. Dietmar Jackel sagt:

    Zur Rücktrittsabsicht von Herrn BM Stein

    Ich bedauere ebenfalls die Rücktrittsabsicht von Herrn Stein, der sich über zwei Jahrzehnte mit seiner Einsatzbereitschaft für Malchow verdient gemacht hat. Ich kann seinen Rücktritt jedoch nicht nachvollziehen. Wenn ein Bürgermeister seine Stadt nur dann regieren kann, wenn die Mehrheit seiner Stadtvertreter willige Gefolgsleute sind, dann würde nahezu jede Kommune in unserem Land unregierbar werden. Ein Stadtoberhaupt muss in der Lage sein, mühselige Überzeugungsarbeit zu leisten und mitunter, selbst wenn es manchmal schwer fällt, kompromissbereit sein. Nach meinen Informationen war jede Fraktion bereit, mit Herrn Stein konstruktiv zusammen zu arbeiten.

    Ich will auch nicht glauben, dass die Familie von Herrn Stein attackiert wurde. Welche Mitglieder seiner Familie wurden denn konkret bedrängt? Herr Stein, sollte diese Behauptung etwas präzisieren, sonst entstehen unnötige Verdächtigungen, gegen die ein Verdächtigter sich nicht verteidigen kann. Für mich sind seine Anschuldigungen, er nennt weder „Ross noch Reiter“, zu unkonkret. Gerüchte und nebulöse Beschuldigungen wabern leider bereits im Überfluss durch unsere Kleinstadt. Als einziger belegbarer persönlicher Angriff, der im übrigen erst von Herrn Stein öffentlich gemacht wurde, ist mir lediglich die flapsige Facebook-Bemerkung von dem „Inseltölpel“ bekannt. Aber ist dies eine derartig verletzende Beleidigung, dass sie von dem Betroffenen über Monate hinweg, wie eine Anklageschrift dem politischen Gegner unter die Nase gehalten werden muss? Wir wissen doch alle, dass Politiker leider oftmals weit härtere Angriffe ertragen müssen. Würde die politische Kaste so dünnhäutig wie unser Bürgermeister sein, würde Deutschland in kürzester Zeit regierungsunfähig.

    D. Jackel