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Wo Deutschland eine Vorreiterrolle hat – und wo nicht (mehr)

22. Oktober 2020

Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass es im Laufe der Jahrtausende viele Hochkulturen gab, die jedoch früher oder später ihre Vorreiterrolle wieder einbüßten. Das antike Griechenland ist hierfür ein Beispiel oder das ägyptische Reich. Heutzutage wachsen die Kulturen im Zuge der Globalisierung aber immer mehr zusammen und mit ihnen auch andere Bereiche wie Politik, Technologien & Co. Es gibt somit kaum noch Kulturen, die sich allgemein abheben und eine Vorreiterrolle einnehmen. Durchaus lassen sich solche Vorreiterpositionen aber in einzelnen Bereichen feststellen. Sei es beim Sport, in der Kunst oder auch in der Klimapolitik – immer wieder wagt ein Land einen großen Schritt in Richtung Zukunft und andere Nationen folgen nach. Lange Zeit nahm Deutschland dabei oft und gerne die Vorreiterposition ein. Es lohnt sich daher ein Blick auf die Frage, ob das heutzutage immer noch der Fall ist und wenn ja, worin?

  • Literatur

Von den großen deutschen Klassikern ist häufig die Sprache, wenn es um die Literatur geht. Namen wie Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang von Goethe haben die deutsche Literaturgeschichte geprägt und dafür gesorgt, dass Deutschland diesbezüglich – zumindest zeitweise – eine Vorreiterrolle eingenommen hat. Begonnen hat der Aufschwung der deutschen Literatur aber bereits zuvor, nämlich im Mittelalter mit dem berühmten Nibelungenlied. Seitdem mangelte es über die Jahrhunderte hinweg keinesfalls an berühmten Namen und Werken, von Klaus Manns „Mephisto“ über Hermann Hesses „Steppenwolf“ bis hin zu Franz Kafkas „Verwandlung“. Sie alle und viele mehr sind über die deutschen Grenzen hinweg als Meilensteine der Literatur bekannt. Aber wie sieht das heutzutage aus?

Thomas Mann, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt haben die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Werken eingeläutet und somit dafür gesorgt, dass die literarische Bedeutung von Deutschland erhalten bleibt. Doch auch seither ist es keinesfalls still geworden: Heinrich Böll, Günter Grass, Michael Ende, Bernhard Schlink – die Liste der bekannten Namen moderner Literaren ist nach wie vor lang. Im 21. Jahrhundert wird die Geschichte durch viele von ihnen, aber auch durch neue Gesichter fortgeschrieben. So haben beispielsweise erst vor wenigen Jahren Natascha Wodin mit „Sie kam aus Mariupol“ und Daniel Kehmann mit „Tyll“ sprachgewaltige Werke kreiert, die erneut als Meilensteine gelten. Ob Deutschland diesbezüglich eine Vorreiterrolle innehat, lässt sich also zwar nur schwer sagen, denn auch anderen Ländern mangelt es natürlich nicht an literarischen Vorzeigewerken. Zumindest haben wir aber nicht den internationalen Anschluss verloren.

  • Sport

Anders sieht das, zumindest zwischenzeitlich, im Sport aus. Lange Zeit war Deutschland in vielen Sportarten ganz vorne mit dabei, sei es mit einem eigenen Team oder herausragenden Einzelsportlern. Dirk Nowitzki, Michael Schumacher, Steffi Graf, Max Schmeling, Timo Boll oder Katharina Witt fungieren hierbei als Beispiele, wie groß die Bandbreite deutscher Sportler an der Weltspitze war. Hinzu kamen natürlich die großen Erfolge der Fußballnationalmannschaft, zum Beispiel die Weltmeistertitel in den Jahren 1954, 1974, 1990 und 2014. Doch seither ist es still geworden um die deutschen Fußballer und viele der großen deutschen Sportlerinnen sowie Sportler haben sich mittlerweile aus den aktiven Wettkämpfen verabschiedet. Zunehmend fällt nun jedoch auf, dass es in zahlreichen Sportarten an Nachwuchs fehlt.

Im Fußball wird die aktuelle Krise eher als kurzzeitiger Durchhänger angesehen, anstatt als das Ende einer Ära. Ausreden, weshalb die Nationalmannschaft seit ihrem Triumph eine herbe Niederlage nach der nächsten einstecken musste, gibt es viele. Nun liegen die Hoffnungen auf der Europameisterschaft, die in das Jahr 2021 verschoben wurde. Die Buchmacher sehen in der deutschen Mannschaft jedenfalls nach wie vor einen Anwärter auf den Titel, wenn auch keinen Top-Favoriten. Die Vorreiterrolle behält der deutsche Fußball außerdem in der Bundesliga, die immer wieder als Vorbild für andere Ligen bezeichnet wird und international mithalten kann. Und auch in anderen Sportarten gibt es so manchen neuen Stern am Himmel, zum Beispiel Sebastian Vettel oder Angelique Kerber. Vielleicht handelte es sich also tatsächlich nur um einen kurzen Durchhänger, sofern daraus die richtigen Lehren für die Zukunft gezogen werden.

  • Klimaschutz

Wenn derzeit von der deutschen Vorreiterrolle gesprochen wird, ist das meistens auf den Klimaschutz bezogen. Denn diesbezüglich bezeichnet sich die Bundesregierung nur allzu gerne selbst als Vorreiter. Grund dafür ist ihr Voranschreiten beim Atomausstieg, aber auch die ambitionierten Klimaziele spielen eine Rolle: Demnach wollte Deutschland bis zum Jahr 2020 seinen Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen um 40 Prozent senken. Bis zum Jahr 2030 sollen es sogar 55 Prozent weniger als noch im Jahr 1990 sein. Freiwillige Vorgaben also, die sogar über den Vereinbarungen auf europäischer Ebene liegen, welche in der europäischen Klimaschutzverordnung definiert wurden. Das Problem an der Sache ist, dass dieses erste Ziel nicht erreicht wurde. Damit habe Deutschland seine Vorreiterrolle verspielt, heißt es nun aus Kreisen der Politiker.

Einige gehen sogar noch weiter und sagen, dass diese einstige Vorbildfunktion nun zum Problem wird. Zu lange habe sich Deutschland an der Spitze ausgeruht. Mittlerweile haben andere Länder aufgeholt – und uns sogar überholt. Deutschland schafft es demnach nur noch auf den achten Platz im Klima-Ranking. Andere Länder verzeichnen hingegen größere Erfolge, zum Beispiel der neue Spitzenreiter Schweden, und profitieren zugleich vom Export ihrer neuen (technologischen) Lösungen. Hierzulande fehlt es hingegen an solchen Lösungen und diejenigen, die existieren, werden nicht wie erwartet genutzt. Deutschland hätte aus seinem Status als Vorreiter ein wichtiges wirtschaftliches Standbein für die Zukunft aufbauen können. Genau diese Chance haben wir aber verpasst und somit kann diesbezüglich längst nicht mehr von einer Vorbildfunktion die Rede sein; nicht einmal von einem problemlosen Mithalten mit anderen Nationen. Stattdessen muss die Bundesrepublik aufpassen, dass sie diesbezüglich nicht abgehängt wird.

  • Künstliche Intelligenz

Als Vorreiter wird Deutschland außerdem gerne bezeichnet, wenn es um die Künstliche Intelligenz geht, kurz KI. Viele Studien sehen die deutsche Nase hierbei im Ranking vorne, viele andere jedoch nicht. Fakt ist in jedem Fall, dass zahlreiche Länder einen Nachholbedarf haben, wenn es um die Einführung von KI geht. Deutschland scheint hierbei zumindest weniger abgehängt zu sein als so manch andere Nation. Viele deutsche Unternehmen sind sogar weiter als ihre US-amerikanischen Konkurrenten, die normalerweise als Vorreiter in Digitalisierungsfragen gelten. Die Prognosen zeugen außerdem davon, dass das Wachstum in Deutschland in den kommenden Jahren stärker sein könnte als in den USA und vielen weiteren Ländern.

Wichtig ist daher, dass sich Deutschland diesbezüglich nicht –wie eben in der Klimapolitik – auf der Vorreiterrolle ausruht und somit in wenigen Monaten bis Jahren überholt wird. Denn Unternehmen, die ihren Wettbewerbsvorteil jetzt richtig zu nutzen wissen, können dadurch nur profitieren: Künstliche Intelligenz sei derzeit die größte Chance für die deutsche Wirtschaft, sind sich Experten sicher. Diese kann aber nur genutzt werden, wenn die Potenziale rechtzeitig erkannt und genutzt werden. Es bleibt daher zu hoffen, dass aus vergangenen Fehlern gelernt wurde und der Vorsprung jetzt sowie in Zukunft richtig genutzt wird, und zwar nicht nur bei der KI.

Fazit

Deutschland bezeichnet sich scheinbar gerne selbst als Vorreiter oder Vorbild, was für viele unterschiedliche Bereiche gilt. Von der Literatur über den Sport bis hin zur Künstlichen Intelligenz spielen deutsche Namen auch tatsächlich nach wie vor eine wichtige Rolle. Dennoch macht die Klimapolitik der vergangenen Jahre deutlich, dass wir uns auf solchen Spitzenpositionen nicht ausruhen dürfen, denn die Konkurrenz schläft nicht. Um also von einer Vorreiterposition auch tatsächlich zu profitieren, muss diese erkannt und gefördert werden. Ansonsten fehlt es irgendwann an sportlichem Nachwuchs, an klimafreundlichen Technologien, an KI-Innovationen oder sogar an literarischen Werken. Diese Liste könnte natürlich um viele weitere Punkte ergänzt werden. Antrieb sollte dabei nicht sein, andere Länder zu übertrumpfen oder sich über sie zu stellen, sondern der Ehrgeiz, das Meiste aus den Menschen, Ressourcen & Co herauszuholen, die Deutschland zu bieten hat – unabhängig von der Branche. Schlussendlich können davon alle nur profitieren. Sich als Vorreiter zu betiteln, ohne entsprechend zu handeln, führt hingegen nicht langfristig zu den gewünschten Ergebnissen.

 

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