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Barmer Arztreport: Zu lange Wartezeiten bei Psychotherapie

9. Juli 2020

Immer mehr Menschen in Mecklenburg-Vor­pom­mern benötigen eine Psychotherapie. Allein im Jahr 2018 suchten etwa 48.000 Menschen im Nordosten einen Therapeuten auf. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2009. Um Betroffe­nen schneller zu helfen, wurde im Jahr 2017 die Psycho­therapie-Richtlinie reformiert. Durch die neuen Struk­turen konnten in Meck­lenburg-Vorpommern laut einer Erhebung im aktuellen Barmer Arztreport etwa 7.800 Personen mehr als zuvor der Zugang zu einem Thera­peuten er­mög­licht werden. „Die Kontakte zu Psy­chotherapeuten im Land sind von 2016 bis 2018 um knapp 20 Prozent an­gestiegen. Das ist eine posi­ti­ve Entwicklung“, sagt Henning Kutzbach, Lan­desgeschäftsführer der Barmer.

Auch die War­tezeit bis zu einer Psychothera­pie ist durch die Reform kürzer gewor­den. Dennoch muss jeder dritte Patient noch min­destens einen Mo­nat und fast jeder zehnte sogar mehr als drei Monate auf einen Therapie­platz war­ten, so ein zentrales Ergebnis des Arztreports. „Die Reform der Psycho­therapie-Richtlinie hat zwar den Zu­gang zu psychotherapeutischer Ersthilfe erleichtert, die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind vielfach noch zu lang und müssen weiter verkürzt werden. Der Leidensdruck bei psychischen Er­krankungen ist enorm hoch, zumal sich psychische Probleme chro­nifi­zie­ren können“, so Kutzbach.

Hoher Bedarf, niedrige Therapiedichte

Parallel zum Anstieg der Kontakte hat sich auch die Zahl der Psychothera­peuten in Mecklenburg-Vorpommern erhöht. Von 2013 bis 2018 ist laut Barmer-Daten die Psychotherapeutenzahl um 84 Prozent von 222 auf 408 Therapeuten angestiegen. In keinem anderem Bundesland ist die Stei­gerung so deutlich. „Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass wir hierzulande mit die niedrigsten Ausgangswerte hatten. Nach wie vor hat Mecklenburg-Vorpommern mit 25 Psy­chotherapeuten je 100.000 Einwoh­nern eine der niedrigsten Therapeuten­dichte bundesweit“, streicht Kutzbach heraus. Es sei vorhersehbar, dass in Zukunft der Bedarf an Psychothera­peuten weiter steigen werde. „Um die positiven Effekte der Reform aufrecht­zuerhal­ten, soll­ten jetzt künftige Bedarfe ermittelt und in der Planung be­rücksichtigt werden“, so der Barmer-Landeschef.

Gute Noten für die psychotherapeutische Sprechstunde

Eine Neuerung der Reform ist die psychotherapeutische Sprechstunde, die die Praxen nun anbieten müssen. In diese Sprechstunde gelangen die Pati­enten entweder durch die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Verei­nigung oder durch Telefonate mit den Psychotherapeuten. Aus der Sprech­stunde gehen die Patienten mit einer Diagnosestellung so­wie einer Bera­tung, wie es weitergehen kann. Dort werden die Weichen ge­stellt, ob je­mand wirklich eine Psychotherapie oder andere Hilfen braucht. „Aus unse­rer Sicht hat sich die psychotherapeutische Sprechstunde sehr bewährt. Über sie finden Men­schen viel schneller Zugang in die psychothe­rapeuti­sche Versorgung“, resümiert Dr. Gregor Peikert, Präsident der Ost­deut­schen Psy­chotherapeutenkammer (OPK).

Für einige Veränderungen sorgte auch die Corona-Pandemie in den ver­gangenen Monaten, in denen die Psychotherapeuten zum Kontakt­erhalt mit Patienten und unter Quarantäne stehenden Menschen ihre Ar­beitsweise auch auf Videobehandlungen umgestellt haben. „Die psychothe­rapeutische Fernbehandlungen ist erst seit einem halben Jahr als Kassen­leistung zuge­lassen. Eine von der OPK durchgeführte Befragung unter un­seren Kollegen hat ergeben, dass viele Therapeuten dies auch weiterhin als ergänzende Behandlungsform anbieten werden – dies aber sehr differen­ziert. Die Be­handlung im persönlichen Kontakt wird die erste Wahl bleiben“, sagt der OPK-Präsident.

Gruppentherapie als eine mögliche Alternative

Bei höheren Bedarf an Psychotherapie und vor dem Hintergrund der langen Wartezeiten könnten Gruppentherapien eine Lösung sein. Obwohl diese Therapieform für Patienten viele Vorteile bietet, wird sie im ambulanten Be­reich selten eingesetzt. Laut Arztreport wird der Großteil der Patienten, nämlich 94 Prozent, in einer Einzeltherapie behandelt. Lediglich 4,5 Prozent erhalten Gruppentherapie und der Rest eine Kombination aus beiden For­men. Der Ruf nach mehr Gruppentherapie ist für die Ostdeutsche Psycho­therapeutenkammer absolut ver­ständ­lich. Verschiedene Aspekte, wie Um­setzungsmöglichkeit in der Praxis und die Offenheit der Patienten, sich auf diese Therapieform einzu­lassen, müss­ten jedoch berücksichtigt werden.

Mit einem Projekt will die OPK Ressour­cen für Gruppentherapie erschlie­ßen. „Wir möchten Einzelpraxen miteinan­der vernetzen. Diese informieren sich unter­einander, wenn Gruppenthera­pien begonnen werden und können sich bei Bedarf die entsprechenden Pa­tienten zuweisen. Zum Beispiel eröff­net eine Praxis eine Gruppe für Patien­ten mit Depressionen, eine andere für Sucht­gefährdete. Somit könnten wir Patienten effektiver die Therapie zu­kommen lassen, die sie benötigen“, sagt Dr. Peikert. Nichtsdestotrotz sei Gruppenpsychotherapie nur für einen be­stimmten Teil von Patienten eine gute Alternative. „Nur ein kleiner Anteil der Patienten ist bisher auch zu ei­ner Gruppentherapie bereit. Wir müssen si­cher bei den Patienten noch Auf­klärungsarbeit über die Vor- und Nachteile der Gruppenpsychotherapie leis­ten“, so Peikert.

Zugang für schwer psychisch Erkrankte nicht verbessert

Durch die Reform ist es jedoch nicht gelungen, den Zugang für die Men­schen mit intensiven und komplexen Unterstützungsbedarfen zu erleichtern, für die schon zuvor Barrieren oft unüberwindbar waren, kritisiert Frauke Risse vom Landesverband Sozialpsychiatrie. Das sind vor allem Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen (inkl. Suchterkrankungen), aber auch Menschen mit Fluchterfahrung, Menschen, die nicht gut deutsch spre­chen und Personen mit zusätzlichen körperlichen, geistigen oder Sinnesbe­einträchtigungen. Einhergehend mit der immer noch nicht flächendecken­den psychotherapeutischen Versorgung im ländlichen Raum seien zudem diejenigen Betroffenen benachteiligt, die z. B. aufgrund von Armut, Alter    o­der Schwere der Erkrankung in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Die Struk­turen sollten so verändert werden, dass auch Menschen mit schwierigen Bedarfen von diesen profitieren, fordert Risse.


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