Für Menschen mit Depressionen gilt die dunkle Jahreszeit häufig als schwierigste Saison. Doch auch das Frühjahr kann für viele Betroffene eine besonders belastende Zeit sein. Sie sind antriebslos, verzweifelt und ziehen sich zurück, während um sie herum das Leben pulsiert. Immer mehr Erkrankte in Mecklenburg-Vorpommern erleben solche Phasen häufiger, denn laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse ist in MV die Zahl der Patienten mit wiederkehrenden Depressionen stark gestiegen – von 2014 auf 2024 um 63 Prozent. Aileen Könitz, KKH-Ärztin und Expertin für psychiatrische Fragen, sieht die Entwicklung mit Sorge: „Unsere Daten zeigen, dass sich Depressionen offenbar bei zunehmend mehr Patientinnen und Patienten manifestieren und zu langwierigen Leidenszeiten führen.“
Laut KKH-Hochrechnung diagnostizierten Ärzte 2024 bei rund 76.000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern eine wiederkehrende Depression. Das entspricht 48 ambulanten Diagnosen pro 1.000 Versicherte. Im Bundesländervergleich liegt MV damit zwar unter dem Schnitt von 51 Fällen pro 1.000 Versicherte, verzeichnet aber ein überdurchschnittliches Plus. In Sachsen-Anhalt leben die wenigsten Menschen mit einer wiederkehrenden Depression (43 von 1.000). Dort registriert die KKH allerdings mit 75 Prozent den größten Anstieg im Zehnjahresvergleich. Den geringsten Zuwachs von 2014 auf 2024 ermittelte die Kasse mit 37 Prozent in Hamburg, das deutschlandweite Mittel liegt bei einem Plus von knapp 50 Prozent.
Sozialer Erwartungsdruck als Krankheitsbooster?
Der Frühling kann eine kritische Zeit für Menschen mit Depressionen sein, denn sie werden stärker als sonst mit energiegeladenen, fröhlichen Menschen in ihrem Umfeld konfrontiert. „Eine Depression ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung, der es egal ist, ob die Sonne scheint oder die Blumen blühen“, betont Aileen Könitz. Gut gemeinte Ratschläge wie ,Geh doch mal raus bei dem schönen Frühlingswetter‘ oder ,Wenn du mehr Sonne tankst, geht es dir bestimmt besser‘ helfen diesen Menschen in der Regel nicht. Im Gegenteil: „Die ständigen Aufforderungen von Freunden und Familie, rausgehen zu müssen, und das Unverständnis, wenn das nicht gelingt, können eher belasten, zu Versagens- und Schuldgefühlen führen. Dieser soziale Erwartungsdruck kann eine Depression sogar noch verstärken“, erläutert die KKH-Ärztin.
Im Frühjahr leiden Betroffene zudem häufig mehr unter der Umstellung des Hormonhaushalts im Körper. „Insbesondere die Veränderungen im Melatonin- und Serotoninhaushalt können bei empfindlichen Menschen das Gleichgewicht im Gehirn beeinflussen und die Symptome einer Depression intensivieren“, sagt Aileen Könitz. Betroffene fühlen sich einmal mehr antriebslos und schlapp, leiden zudem häufiger unter Kreislaufschwäche. Auch die Umstellung auf längere Tage und kürzere Nächte setzt depressiven Menschen mehr zu als Gesunden. Die zunehmende Helligkeit kann die innere Uhr beeinflussen und den Schlaf-Wach-Rhythmus vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringen. Dadurch können Schlafstörungen auftreten, die die Stimmung weiter verschlechtern. Die KKH-Expertin rät Betroffenen deshalb, besonders in dieser Umbruchphase des Jahres für einen guten Schlaf zu sorgen, etwa das Zimmer ausreichend zu verdunkeln oder auch eine Schlafmaske zu tragen.
Erst reizbar, dann ständig erschöpft
„Depressionen können durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren entstehen. Dazu gehören belastende Lebensereignisse wie Gewalt, Missbrauch, Trennungen oder Jobverlust, aber auch körperliche Erkrankungen und biologische Einflüsse. Auch Vitamin-D-Mangel kann ein Risikofaktor sein. Das ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt Aileen Könitz. Auch die Symptome können von Mensch zu Mensch variieren. Erste Anzeichen können Energiemangel, Lustlosigkeit und Reizbarkeit, eine niedergedrückte Stimmung sowie ein nachlassendes Interesse an sozialen Kontakten und Hobbys sein. Im Verlauf können Konzentrations- und Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schmerzen ohne organische Ursache, ein negativer Blick auf die Zukunft, Hilflosigkeit, ein vermindertes Selbstwertgefühl oder dauerhafte Erschöpfung hinzukommen.
Sind Patienten erst einmal von einer Depression betroffen, ist es umso wichtiger, rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Bei einem Verdacht auf eine Depression führt der erste Weg zum Hausarzt. Er überweist dann an Experten für Psychiatrie oder Psychotherapie. Angehörigen und Freunden rät Aileen Könitz darüber hinaus, keinen Druck mit gut gemeinten Ratschlägen auszuüben und depressive Menschen in ihrem Umfeld nicht mit immer wieder neuen Plänen zu überfordern. Stattdessen: Lieber behutsam vorgehen und akzeptieren, wenn das ein oder andere Angebot an Frühlingsaktivitäten abgelehnt wird.
Die KKH Kaufmännische Krankenkasse hat bundesweit ambulante Daten ihrer Versicherten zur Häufigkeit einer wiederkehrenden Depression (F33) nach Geschlecht, Alter und Bundesländern in den Jahren 2014 und 2024 ausgewertet. Eine wiederkehrende Depression ist von mehreren depressiven Phasen im Leben gekennzeichnet. Diese Phasen können unterschiedlich lang und verschieden schwer sein.











