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IHK: Wirtschaft fordert Kinderbetreuung – Dramatisches Nadelöhr für Unternehmen

7. Mai 2020

Die fehlende Kinderbetreuung wird zu einem massiven Problem für die regionale Wirtschaft. „Das signalisieren uns immer mehr Unternehmen aus dem östlichen Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg. „Wenn Kindertagesstätten und Schulen – selbstverständlich unter Berücksichtigung aller gesundheitlichen Maßnahmen und Fakten – nicht zeitnah wieder öffnen, dann wird das ein Hauptproblem beim Wiederhochfahren der Wirtschaft. Denn: Viele Mitarbeiter aus den Unternehmen werden so gezwungen, zu Hause zu bleiben, um dort ihre Kinder zu betreuen und zu beschulen. Damit fehlen sie in den Unternehmen“, so Haasch weiter. Auch die Altersgrenze von 60 Jahren als Risikogruppe bei Lehrern allgemein festzulegen, sei nicht nachvollziehbar.

So konnten und können bei der in Wolgast ansässigen Metallbaufirma Hadrian GmbH um Geschäftsführer Frank Dannenberg, die während des Lockdowns ganz normal weitergearbeitet hat und über volle Auftragsbücher verfügt, zurzeit nicht alle 90 Mitarbeiter zur Arbeit kommen: „10 bis 15 Leute fallen aus, weil sie ihre Kinder zu Hause betreuen müssen. Daran ändere auch nicht, dass wir als systemrelevanter Zulieferer eingestuft wurden, die Angestellten somit Anspruch auf eine Notbetreuung ihrer Kinder hätten. Die meisten Kommunen lassen dies nicht gelten“, bedauert Frank Dannenberg.

Auch das Konzept „Home Office“ geht auf Dauer nicht auf, wenn Mütter oder Väter nebenher gleich zwei Kinder betreuen müssen, weiß Udo Possin, Geschäftsführender Gesellschafter des Greifswalder Elektronikherstellers ml&s und Mitglied der IHK-Vollversammlung, aus eigenem betrieblichen Alltag: „Diese Situation überlastet unsere Mitarbeiter.“ Und er betont: „Wir werden künftig mit dem neuen Virus leben müssen. Dazu brauchen wir Normalität, die mit entsprechenden Maßnahmen für die kommenden Jahre zu unterfüttern ist. Diesen Ansatz vermisse ich in der gegenwärtigen Diskussion.“

Katrin Lüttke, Geschäftsführerin FIZ Feldberger Integrations-Zentrum gGmbH, Vizepräsidentin und Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses der IHK Neubrandenburg, wünscht sich von der Landesregierung ein umfassendes Öffnungskonzept mit entsprechenden Indikatoren, aus dem eindeutig hervorgeht, wie Kindertagesstätten und auch Schulen wieder geöffnet werden können. „Wir müssen uns als Träger von Kindertagesstätten an die Landesverordnung halten, die besagt, dass Gruppen mit zehn Kindern gebildet werden sollen, besser noch Kleinstgruppen mit sechs bis acht Kindern“, so Katrin Lüttke. Normalerweise sind Regelgruppen in Kindergärten mit 15 Kindern belegt.

Ein großes Problem sind die in den Einrichtungen tätigen Heilerziehungspfleger/Heilerzieher und Integrationsbetreuer – für diese Berufsgruppen, die der Eingliederungshilfe zugehören, wird seit der Schließung kein Geld mehr gezahlt. Sie werden aber in der Betreuung der Kinder allgemein benötigt – und hier sollten die Entscheidungen korrigiert werden; Betreuungsleistung statt klassischer Integrationsleistung ist jetzt gefragt.

Zelte für die Betreuung

Hinzu kommt noch die Problematik der Mitarbeitenden, die der Corona-Risikogruppe zuzuordnen sind. Zeitweise Anerkennung von Berufsunfähigkeiten bei zum Beispiel chronisch Kranken wäre unbedingt notwendig, um auch so für die Überbrückung zusätzliches Personal in die Einrichtungen zu bekommen. Ein weiterer Aspekt wäre die Verschiebung von Ausbildungsbeginn-Terminen – dadurch könnten Einrichtungen zum Beispiel Bundesfreiwilligendienstleistende länger in den Einrichtungen belassen oder Praktikanten beschäftigen – dadurch könnte man personelle Bedarfe alternativ abfedern. Im Frühjahr zu starten und dies dann in hoffentlich wieder umsetzbarer Qualität ist mit Sicherheit ein überlegenswerter Aspekt.

Um das Raumproblem zu lösen, schafft die FIZ-Geschäftsführerin derzeit Zelte an. Die Betreuung im Freien ist unter Berücksichtigung der COVID-Pandemie sowieso das Beste und das Areal des Kinderhauses Murkelei in Feldberg bietet glücklicherweise die Möglichkeiten, nach draußen mit den Kindern so lange wie möglich auszuweichen beziehungsweise geteilt zu arbeiten. Um die Kinder draußen auf dem weitläufigen Gelände betreuen zu können, bedarf es wiederum der Einverständniserklärung der Eltern.

Als ehrenamtlich tätige Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses der IHK Neubrandenburg fordert sie für die vielen Ausbildungsbetriebe überdies ein dringendes Überdenken der Strategie bei der Wiedereröffnung der Berufsschulen: „Den Ausbildungsbetrieben wurde für einen langen Zeitraum aufgrund nicht einsetzbarer Lehrkräfte und durch Verkleinerung von Ausbildungsklassen angezeigt, dass viele Inhalte des Lehrplanes nicht mehr vermittelt werden können. Die Auszubildenden als zukünftige Fachkräfte sind es jedoch, die durch Wertschöpfung in den Unternehmen direkt helfen können, die Krise besser zu bewältigen“, so Katrin Lüttke abschließend.


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