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WsM-Interview: Von einem, der auszog, um anzuecken

18. Mai 2019

Seit nunmehr 13 Jahren bestimmt der FDP-Mann Toralf Schnur die Geschicke Warens als Stadtvertreter mit. Dabei hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Denn er ist ein streitbarer Typ und polarisiert. Agierte er vor allem am Anfang seiner Karriere mitunter häufig ungestüm und traf nicht immer den richtigen Ton, hat sich der heute 43-Jährige in den vergangenen Jahren gewandelt. Ohne allerdings seine kritische Haltung aufzugeben. Er analysiert nach wie vor die Arbeit der Verwaltung und hinterfragt fast alle Beschlussvorlagen, die von den Stadtvertretern abgenickt werden sollen. Heute zumeist aber mit „feinerer Klinge“.
Was der Liberale aber schon seit zehn Jahren macht – nicht nur zur Freude seiner Stadtvertreter-Kollegen – er führt eine Anwesenheitsliste. „Wir sind Müritzer“ hat mit ihm darüber und über seine Art, Politik zu machen, gesprochen.

Herr Schnur, macht es Ihnen eigentlich Spaß, ständig anzuecken?

Es mag vielleicht komisch klingen, aber es macht sehr wenig Spaß so häufig anzuecken. Dieses Anecken beruht leider nur darauf, dass viele kaum nachvollziehbare Entscheidungen in unserer Stadt getroffen werden oder Entscheidungen ohne Beteiligung der Bürger durchgedrückt werden sollen. Es ist so anstrengend, stets und ständig darauf zu pochen, dass die Bürger frühzeitig in Entscheidungen eingebunden werden müssen, damit sie wissen was auf sie zukommt. Solange es hier keine wirklich ernsthaften Bemühungen um Veränderungen gibt, solange werde ich auch weiterhin anecken.

Haben Sie schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, nicht mehr zu kandidieren?

Es gab sicher Momente, wo ich alles am liebsten hingeschmissen hätte, insbesondere immer dann, wenn man das Gefühl hat, dass Entscheidungen in der Stadtvertretung nicht mehr in der Sache getroffen werden, wie bspw. im Zusammenhang mit den möglichen Schulneubauten. Häufig steckt so viel Arbeit, soviel Engagement und so viel Zeit in der Vorbereitung, und am Ende ist fast alles für die Mülltonne. Das sind mit Abstand die bittersten Momente, wo man wirklich darüber nachdenkt, aufzuhören.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie wegen Ihrer kritischen Haltung angefeindet werden?

Bei Anfeindungen gegen mich reagiere ich heute eigentlich nicht mehr, früher hat es mich wirklich wahnsinnig geärgert, aber mittlerweile ist es mir fast egal geworden. Ich habe schlicht keine Lust mehr, mich überall dafür zu rechtfertigen, was ich in der Vergangenheit falsch oder richtig gemacht habe. Letztlich ist es doch so, wenn sich die Leute das Maul zerreißen wollen, dann tun sie das so oder so, ob ich mich nun ärgere oder nicht. Es gilt also das Ganze mit etwas Humor und Gelassenheit hinzunehmen, man ändert es ja ohnehin nicht.

Was war bislang Ihre größte Niederlage, was Ihr größter Erfolg?

Für mich ganz persönlich war es der schönste Moment, als wir trotz erheblicher Widerstände die Sportförderung endlich auf alle Sportvereine ausweiten konnten. Es war ein riesiger Kraftakt, die Mehrheit zu überzeugen, dass es wenig sinnhaft ist, dass von 21 Sportvereinen nur 4 überhaupt gefördert wurden und damit ein Drittel aller Kinder außen vor blieb. Heute haben wir etwa 25 Prozent mehr Kinder und Jugendliche in den Sportvereinen organisiert, und alle Vereine erhalten ohne großen bürokratischen Aufwand anteilig ihr Geld. Solche Momente machen mich glücklich, weil man etwas bewegen konnte und die Kinder in unserer Stadt davon auch tatsächlich profitieren.

Meine größte Niederlage musste ich bisher im Zusammenhang mit dem Bau einer neuen Schwimmhalle einstecken, wo ich trotz intensivster Bemühungen seit 2015 bis heute keine Mehrheit in der Stadtvertretung bekommen habe. Und das nur, weil so ein Scheininvestor allen den Kopf mit diesem Aqua-Regia-Park verdreht hat und damit die übergroße Mehrheit der Stadtvertretung einfach nicht bereit war, dem ein Ende zu setzen. Komischerweise habe ich noch heute das Gefühl, dass tatsächlich einige immer noch an dieses Projekt glauben.

Wieviel Zeit investieren Sie in der Woche/im Monat in die ehrenamtliche Tätigkeit als Stadtvertreter?

Im Moment sind es so ca. 1-2 Stunden am Tag. Es mag komisch klingen, aber ich lese die Vorlagen für die Sitzungen oder die dazugehörigen Rechtsgrundlagen eben einfach gern.

Wie bekommen Sie diesen Zeitaufwand mit Ihrer beruflichen Tätigkeit unter einen Hut?

Ich arbeite als selbstständiger Vermieter und kann mit die Zeit deshalb sehr gut einteilen. Familiär bleibt da aber schon mal etwas auf der Strecke.

Sie führen seit zehn Jahren eine Anwesenheitsliste für die Stadtvertretersitzungen, warum?

Ich habe beobachtet, dass viele Stadtvertreter am Anfang der Wahlperiode stets anwesend sind, dann regelmäßig fehlen und im letzten halben Jahr vor der Wahl komischerweise wieder regelmäßig anwesend sind. Die Wähler sollen es einfach wissen, dass es Stadtvertreter gibt, die ihren Wählerauftrag vielleicht nicht ganz so ernst nehmen, wie es die Wähler glauben.

Die Liste ist doch aber nicht sehr aussagefähig. Beispielsweise berücksichtigt sie Krankheiten nicht.

Die Liste sagt inhaltlich wirklich wenig über die eigentliche ehrenamtliche Tätigkeit jedes Einzelnen aus. Schließlich beweisen auch nicht wenige Stadtvertreter, dass sie zwar körperlich anwesend sind, aber ansonsten wie Urlauber in den Sitzungen sitzen. Als Fazit kann man aber bemerken, dass meine Liste zu einer höheren Beteiligung geführt hat, denn mittlerweile liegt der Anteil der Anwesenheit bei ca. 87 Prozent gegenüber der vorherigen Wahlperiode von etwa 81 Prozent. Vielleicht motiviert meine Liste ja den einen oder anderen dazu, nicht ständig Letzter auf der Liste zu sein.

Die Anwesenheit auf den Sitzungen sagt, wie Sie schon zugeben, ja auch nichts darüber aus, wie aktiv die einzelnen Stadtvertreter waren. 

Ich bin wirklich immer wieder erstaunt, dass es Stadtvertreter gibt, die es geschafft haben, nahezu nie etwas in den Sitzungen zu sagen. Absoluter Rekordhalter ist hier bspw. Dominique Lindner (SPD), der in keiner seiner 20 Sitzungen jemals etwas gesagt hat. Dicht gefolgt von, Günter Hoffmann (CDU) und Roland Krimmling (SPD).

Wo wir gerade bem Engagement sind, wissen Sie, wie viele Anträge die FDP in den letzten fünf Jahren eingebracht hat und wie viele davon bestätigt wurden?

Es sind genau 50 Anträge, die wir allein gestellt haben und 7 weitere mit anderen zusammen. Eine Mehrheit davon haben wir zwar nur in 24 Fällen bekommen, aber das ist zu früher, wo noch etwas mehr als 75 Prozent unserer Anträge abgelehnt wurden, fast schon ein Quantensprung und lässt für die Zukunft hoffen.

Sie führen ja gerne Statistiken: Wie sieht es bei den anderen Parteien aus – kamen von ihnen Anträge?

Was wünschen Sie sich ganz persönlich in den kommenden fünf Jahren für Waren (Müritz)?

Ich wünsche mir natürlich, dass wir das unsägliche Projekt „Aqua-Regia-Park“ unverzüglich und endgültig beenden und die Stadt Waren(Müritz) endlich eine eigene Schwimmhalle bekommt, so wie wir es als FDP und fast 3.000 Bürger seit dem Mai 2015 wollten. Ich hoffe einfach nur, dass mit der jetzigen Kommunalwahl eine Mehrheit für eine städtische Schwimmhalle entsteht und wir endlich nicht mehr auf die Blockadehaltung der jetzt bestehenden Mehrheiten Rücksicht nehmen müssen, gleiches gilt für den möglichen Neubau der Schulen.

 

Foto: So sieht die Anwesenheitsliste, geführt von Toralf Schnur, für die Warener Stadtvertretung in der jetzt ablaufenden Legislaturperiode aus. Eine Seitzung fehlt noch, sie findet am kommenden Mittwoch, 22. Mai, statt.


5 Antworten zu “WsM-Interview: Von einem, der auszog, um anzuecken”

  1. DirkNB sagt:

    Wann lernen wir endlich, dass ein „Quantensprung“ – der Begriff kommt aus der Physik – die kleinstmögliche(!) Änderung eines Zustanden ist?

  2. Simone Erwerth sagt:

    Also ich wünsche ihm das er viele Stimmen bekommt. Wir brauchen mehr Politiker wie ihn die auch mal anderer Meinung sind, die hinterfragen und vor allem die wirklich was für uns Bürger bewegen wollen.

  3. Tupeit un sagt:

    Anzuecken ist in dieser Gesellschaft schon schlecht ,anpassen an Merkel und co das ist das Zauberwort.Es gibt immer zu viele angepasste und das ist nie gut.Herr Schnur muss so weitermachen ich war auch nie ein angepasster. N.Tupeit

  4. Karin sagt:

    Herr Schnur sollte weiter den Finger in jede Wunde legen die ihm auffällt. Wir Warener sollten dankbar sein das wenigstens ein Stadtvertreter auch mal linksrum denkt und probleme anspricht auch wenn er deswegen oft angefeindet wird. Für mich ist das ein positves und sehr lobenswertes Verhalten ,es zeigt das er nicht nur ein mitläufer ist ,sondern seinen Kopf benutzt . Machen Sie weiter so ,ich hoffe das auch andere Ihr Potenzial erkennen.

  5. Simo sagt:

    Unsere Stimmen hat er schon sicher! Wir sind Herrn Schnur sehr dankbar, dass er sich so für ein Schwimmbad einsetzt!!!

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