Nach zehn Jahren in der Nazi-Szene: Chris beginnt ein Leben ohne rechtsextreme „Kameraden“

29. April 2018

Er marschierte jahrelang in der ersten Reihe, wenn in Mecklenburg-Vorpommern wieder einmal Nazis grölend durch Städte zogen, er organisierte selbst rechte Demos in Waren und er galt lange als führender Kopf sowie Busenfreund der NPD-Stadtvertreterin Doris Zutt: Chris Knaak. Doch der 25-Jährige ist raus aus der Nazi-Szene. Seit einem Jahr. Den Kontakt zu seinen früheren „Freunden“ hat er komplett abgebrochen, das CJD unterstützt ihn mit dem Ausstiegsprogramm „JUMP“.
Auf seinen eigenen Wunsch hat sich „Wir sind Müritzer“ mit Chris getroffen. Für ihn, so erklärt er, ist dieser Gang in die Öffentlichkeit der endgültige Abschluss mit seinem „alten Leben“.

Aber was heißt „altes Leben“ bei einem 25 Jahre jungen Mann? Etwa zehn Jahre lang agierte er bei den Rechtsextremen und wurde in dieser Zeit selbst einer. Ein sehr überzeugter. Reingerutscht, so erzählt er heute, ist er in die Szene aus Perspektivlosigkeit: Seine Eltern arbeitslos – er selbst verlies die Schule ohne irgendeinen Abschluss. Eine angefangene Lehre als Tiefbauer endete wegen seiner politischen Einstellung mit einer Kündigung. Dabei ist Chris Knaak kein Dummer, wie er später mehrfach bewies. Vielen seiner „Kameraden“ war er weit überlegen und deshalb auch immer vorne mit dabei.

„Ich habe wie in einer Luftblase gelebt, andere Meinungen sind gar nicht bis zu mir vorgedrungen, ich habe weder etwas hinterfragt, noch selbst überlegt“, sagt Chris Knaak rückblickend. Halt habe ihm die „Kameradschaft“ gegeben. Der 25-Jährige wurde Mitglied der NPD und kandidierte 2016 auch bei der Kommunalwahl in Waren. Doris Zutt, inzwischen eine Vertraute, zog wieder in die Stadtvertretung ein, Chris Knaak wollte später für sie nachrücken. Doch schon kurz nach der Kommunalwahl kriselte es. Der junge Mann trat zunächst aus der NPD aus, blieb aber noch bei den Rechten. Die organisieren sich an der Müritz übrigens nicht nur in der NDP, sondern in verschiedenen Gruppen, die sich offenbar auch untereinander nicht immer „grün“ sind.

Auch Gewalt spielte eine Rolle

„Wir hingen sehr viel im Haus von Frau Zutt in der Mozartstraße ab, hatten ja sonst nichts zu tun. Da überlegt man, was man als nächstes macht, wie man provozieren kann, wie man wieder in die Medien kommt und wie man die Polizei sowie die Linken ordentlich ärgern kann“, so der ehemalige Warener, der sich nach seinem Ausstieg an der Müritz nicht mehr sicher gefühlt hat und weggezogen ist.
Weit weg, denn nachdem er den Kontakt zu seinen „Kameraden“ aufgegeben hat, wurde er von einigen früheren „Freunden“ bedroht. „Ich bin kaum noch vors Haus gegangen und habe gehofft, dass sie mir die Tür nicht einschlagen“, berichtet Chris. Dass die Angst nicht unberechtigt ist und einige Nazis gewalttätig sind, weiß er besser als andere.
„Klar sind wir auch zu Demos mit dem Ziel gegangen, zu schlagen“, gibt er zu. Und so ist der Aussteiger auch bei der Polizei kein Unbekannter, stand bereits vor Gericht, die letzte Verhandlung ist noch gar nicht so lange her.

Angst hat auch Chris früher gerne auch selbst verbreitet. Zum Beispiel als er die Namen der Müritzer Flüchtlingshelfer mit seinen Leuten auf Facebook öffentlich gemacht hat. „Wir kannten alle Adressen und Autokennzeichen. Einfach nur, um diese Leute unter Druck zu setzen. Über die Warener Stadtvertreter haben wir ebenfalls viele Angaben gesammelt, die wurden ja alle veröffentlicht. Eine gute Hilfe war außerdem das Adressbuch der Stadt“, erzählt Chris, der vor wenigen Tagen zum zweiten Mal Vater geworden ist.

Sein großer Sohn, sechs Jahre alt, spielt übrigens eine große Rolle bei seiner Entscheidung, den Nazis den Rücken zu kehren. „Ich habe ihn nie zu Demos oder ähnlichem mitgenommen und mit ihm auch nie politisch gesprochen. Aber er bekommt in seinem Alter ja auch schon einiges mit und ich möchte gerne ein Vorbild für ihn sein. Er soll nicht so abrutschen wie ich in meiner Jugend“, begründet der 25-Jährige.

Chris ist – wie es aussieht – auf einem guten Weg. Sämtliche Kontakte zur Szene sind gekappt, den Hauptschulabschluss hat er nachgeholt, und in diesem Jahr möchte er noch eine Ausbildung beginnen – zum Kraftfahrer.

„Wir sind Müritzer“ wird seinen Weg weiter verfolgen.

Foto oben: Chris heute: Er hat mit seinem alten Leben abgeschlossen.
Fotos im Text und unten: Bilder aus dem alten Leben von Chris. Er marschierte fast immer in der ersten Reihe und hielt auch Reden.


3 Antworten zu “Nach zehn Jahren in der Nazi-Szene: Chris beginnt ein Leben ohne rechtsextreme „Kameraden“”

  1. Bootsmann sagt:

    Ganz viel Erfolg beim Neuanfang!

  2. Barbara Walaschewski sagt:

    Man bedenke: 10 Jahre eines Menschenlebens für den Weg zurück!
    Es sind auch 10 Jahre für all die Menschen, die ihn dabei begleitet haben und ihre Kraft und Ausdauer gegeben haben, damit er es schafft.
    Dafür und auch für Chris meine hohe Anerkennung

  3. matze sagt:

    junge, ich finde das klasse, das du diesen dreh geschafft hast !!! hut ab ! wenn es so irgendwie passen sollte – meine hilfe ist dir sicher !!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*