Landwirte in MV rechnen mit durchschnittlicher Getreideernte

10. Juli 2024

Wolken, Sonne und immer wieder kräftige Regenschauer: Das Wetter beschert den Landwirten in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr keine einfachen Bedingungen für die Getreideernte. „Aktuell nutzen die Landwirte jede regenfreie Minute, um die Ernte von den Gerstenschlägen einzuholen“, berichtet Karsten Trunk, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Der Regen der vergangenen Tage brachte das Erntegeschehen immer wieder ins Stocken. Trotzdem zieht Trunk eine erste Bilanz: Die erste Getreidekultur, die Wintergerste, sei landesweit etwa zur Hälfte eingefahren. „Die Ergebnisse fallen regional sehr unterschiedlich aus. Je nachdem, ob es in der Region heftige Gewittergüsse gab oder Regengebiete strikt vorbeizogen, ernteten die Landwirte durchschnittliche bis leicht überdurchschnittliche Erträge.“  Mit Sorge blicken sie jedoch auf die als nächstes anstehende Rapsernte.

„Ein massiver Schädlingsbefall seit dem Herbst lässt hier schlechte Erträge befürchten.“  Für ihre Hauptanbaukultur, den Winterweizen, hoffen die Landwirte im Nordosten auf einen guten Ertrag. „Hier ist es wichtig, dass nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität stimmt“, betont der Bauernpräsident. Im vergangenen Jahr konnte ein großer Teil der Weizenernte nicht als Brotweizen, sondern nur als Futtergetreide verkauft werden. Die Herbstkulturen wie Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln, die zum jetzigen Zeitpunkt bereits gut entwickelt sind, profitieren von den aktuellen Regenfällen.
In Mecklenburg-Vorpommern wird auf rund 526 500 ha Getreide angebaut. Die Fläche ist das fünfte Jahr in Folge gesunken. In einem Durchschnittsjahr werden in Mecklenburg-Vorpommern 3,7 Millionen Tonnen Getreide geerntet. In diesem Jahr wird der Gesamtertrag vermutlich etwas geringer ausfallen.
Insgesamt beweise das Jahr 2024 erneut, wie der Klimawandel mit extremen Regen- oder Hitzephasen die Landwirte zunehmend vor große Herausforderungen stellt. So hatten bereits die Regenfälle im vergangenen Herbst in Mecklenburg-Vorpommern für eine verspätete Aussaat bei vielen Kulturen gesorgt. Winter und zeitiges Frühjahr blieben nass. Die Bauern begannen deshalb später als normal mit der Aussaat der Sommerungen. Die hohen Niederschlagsmengen führten zum Teil zu Verschlämmungen und Verkrustungen an der Bodenoberfläche. Dadurch entwickelten sich die Pflanzen zunächst nur zögerlich.

Landwirte brauchen effektive Auswahl an Wirkstoffen

„Durch diese ungünstigen Vegetationsbedingungen stieg der Unkraut- und Krankheitsdruck in fast allen Kulturen spürbar an“, erklärt Bauernpräsident Trunk. Die Folge: Die Landwirte hatten einen höheren Aufwand in der Feldpflege und mussten mit Pflanzenschutzmitteln unter anderem pilzliche Krankheiten sowie Virusüberträger bekämpfen. Einmal mehr habe sich hierbei gezeigt, dass den Landwirten immer weniger geeignete Mittel zur Verfügung stehen. Die Chance für Schädlinge schneller Resistenzen zu entwickeln steigt. „Landwirte brauchen eine breite Palette von Wirkstoffen, um ein gutes Resistenzmanagement durchführen zu können“, stellt Bauernpräsident Trunk klar und zieht einen Vergleich zur Humanmedizin. Auch hier steht dem Arzt eine breite Auswahl an Antibiotika zur Verfügung, um verschiedene Bakterien ganz gezielt behandeln zu können. In der Europäischen Union habe man diese Notwendigkeit erkannt und in diesem Jahr die geplante Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR) zurückgezogen. „Deutschland hingegen steht auf der Bremse und bedroht mit dem „Zukunftsprogramm Pflanzenschutz“ zunehmend den Anbau von Getreide und Ölfrüchten in Deutschland.
Für die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern sei der verantwortungsbewusste Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nach dem Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ praktizierter Alltag. Um Ackerpflanzen vor Schädlingen, Krankheiten und Ackerbegleitkräutern zu schützen, kombinieren Landwirte verschiedene Maßnahmen. Chemischer Pflanzenschutz sei dabei nur eine von mehreren Optionen, die erst zum Einsatz kommt, wenn es keine geeigneten nicht-chemischen Maßnahmen mehr gibt und die Schadwelle erreicht ist. Zudem müsse jeder Landwirt alle drei Jahre die Schulbank drücken und seinen Sachkundenachweis Pflanzenschutz auffrischen.

Sortenwahl und Pflanzenschutz gewinnen an Bedeutung

Für den Vorstandsvorsitzenden der Agrargenossenschaft Papendorf, Steven Hirschberg, hätte die Gerstenernte in diesem Jahr besser laufen können. Der Betrieb baut auf 185 Hektar Wintergerste an. „Anfang der Woche haben wir den letzten Gerstenschlag abgeerntet“, berichtet er. „Die Erträge und die Qualität stimmen mich aber nicht zufrieden.“ Die feuchte Witterung der vergangenen Wochen habe Pilzerkrankungen begünstigt. Die Wahl der richtigen Sorte und ein optimaler Einsatz von Pflanzenschutzmitteln habe seiner Meinung nach in diesem Jahr enorme Auswirkungen auf das Ernteergebnis gehabt.
Die Erntepause nutzen der Agrargenossenschaft Papendorf derzeit für den zweiten Schnitt der Grünlandflächen und die Strohbergung.
Mit Blick auf die Raps- und Weizenernte hat Steven Hirschberg gedämpfte Erwartungen. Die Nachtfröste im April sowie der Regen der vergangenen Wochen hätten die Bestände in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, so dass mit geringeren Erträgen und schlechterer Qualität zu rechnen ist.  

Politische Ernte

Der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern zieht auf seiner Ernte-Pressekonferenz auch Bilanz seiner politischen Arbeit. Nach den Bauernprotesten im Januar, bei denen hunderte Landwirte im Nordosten auf die Straße gingen, Autobahnzufahrten blockierten und das Gespräch mit Verbrauchern und Politikern führten, wurden folgende Punkte erreicht:

·    Das Thema Landwirtschaft konnte stark in den Fokus von Politik und Verbrauchern gerückt werden
·    Die Streichung der KfZ-Steuer für landwirtschaftliche Fahrzeuge
·    Der Agrardiesel wird nicht in einem Schritt, sondern stufenweise über drei Jahre abgeschmolzen
·    Streichung der Stilllegungsverpflichtung
·    Vollständige Zurückweisung der verschärften europäischen Pflanzenschutz-Anwendungsregelung (SUR)
·    EU-Kommission schlägt Herabstufung des Schutzstatus des Wolfes vor

Als eine „große Enttäuschung“ bezeichnet Karsten Trunk, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, das Ende Juni vorgestellte Agrarpaket der Ampelregierung. Es enthalte keine substanziellen Entlastungen für die Landwirte im Nordosten Deutschlands. Der Bürokratieabbau bleibt vage, stattdessen plane die Regierung deutliche Verschärfungen im Tier- und Pflanzenschutz sowie im Düngerecht. „Das ist nicht nur wenig. Das ist gar nichts“, bringt es Trunk auf den Punkt. „Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat uns in den vergangenen Monaten ganz offensichtlich überhaupt nicht zugehört.  Wir beharren auf unserer Forderung nach Wettbewerbsgleichheit in der EU und einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage für Landwirtschaftsbetriebe. Nächste Schritte müssen die Rücknahme weiterer geplanter Belastungen wie der Novelle des Tierschutzgesetzes und des Pflanzenschutzprogrammes der Bundesregierung sein. Nur dann könne von einer echten Kompensation für die Belastungen der Landwirtschaft die Rede sein.“


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