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Ein persönlicher Nachruf

2. Februar 2019

Es ist einer der schwersten Artikel , die ich je schreiben musste. Ein Artikel, den ich nie schreiben wollte. Ein Artikel, von dem ich so inständig gehofft habe, dass ich ihn nie schreiben muss.
Der kleine Erik von der Insel Rügen hat seinen Kampf gegen den Krebs am Donnerstag verloren. Er starb in den Armen seiner Eltern eine Woche vor seinem 7. Geburtstag.

Es ist ein Jahr her, als ich bei „Wir sind Müritzer“ zum ersten Mal über Erik berichtet habe. Die Insel Rügen war das Zuhause von Erik, seinen Eltern Annett Schuldt und Torsten Noack sowie seiner großen Schwester Vivi.
Ganz liebe Verwandte von Erik, die an der Müritz wohnen, haben mich auf sein Schicksal aufmerksam gemacht. Denn Erik hatte einen inoperablen Tumor im Kopf, eine „fiese Beule“, wie er es nannte. Damals setzte seine Familie große Hoffnungen in eine neue Immuntherapie, die allerdings viel Geld kostete. Die Anteilnahme der Menschen – auch an der Müritz – war riesig, die nötige Summe kam schnell zusammen.

Seit diesem ersten Artikel habe ich Erik begleitet. Nicht persönlich an seiner Seite, sondern über die Mitteilungen seiner Mama, aber auch über Nachrichten von seinen Müritzer Verwandten. Ich habe mich riesig gefreut, wenn es hieß, dass seine „Beule“ kleiner geworden ist, und mir standen die Tränen in den Augen, wenn seine Tante berichtete, dass es ihm wieder schlechter ging.

Trotz der alles andere als hoffnungsvollen Prognosen und Statistiken war da immer noch so ein Fünkchen Hoffnung. Bis Donnerstag, als seine Tante plötzlich eine halb abgebrannte Kerze bei Facebook gepostet hat und ich aus Angst vor der Antwort einfach nicht fragen wollte, was sie bedeutet. Ich habe nach einiger Zeit gefragt und bin wie viele andere Angehörige, Freunde, Verwandte, Ärzte, Bekannte und Facebook-Leser unendlich traurig darüber, dass Erik es nicht geschafft hat.

14 Monate kämpfte er tapfer, ließ viele Behandlungen über sich ergehen, litt teilweise schrecklich unter den Auswirkungen des Tumors, aber auch unter der medizinischen Behandlung, wie Chemotherapie und Bestrahlung. Immer tröstend und zuversichtlich an seiner Seite: Mama und Papa.

Ich erinnere mich noch sehr genau an das erste Gespräch mit Eriks Mama vor rund einem Jahr. Wir haben mehr als eine Stunde lang telefoniert. Vielleicht waren es auch zwei oder drei. Ein sehr emotionales Gespräch.
Annett wusste zu diesem Zeitpunkt seit rund vier Monaten von dem Tumor im Kopf ihres kleinen Jungen. Sie schilderte, wie hilflos sie und ihr Mann sich gefühlt haben, als man ihnen im Klinikum Greifswald die Diagnose „diffuses Ponsgliom“ mitteilte. Wie sie sich sofort fragten, ob ihr über alles geliebtes Kind jetzt sterben muss und wie sie ganz schnell beschlossen, zu kämpfen. Warum sollte Erik nicht zu den ganz wenigen gehören, die so einen Tumor überleben?

Nach diesem Gespräch war ich auf der einen Seite sehr mitgenommen, aber auf der anderen Seite auch voller Anerkennung, ja Bewunderung für Annett Schuldt. Eine unwahrscheinlich starke Frau, wie es nur eine Mama sein kann. Sie wollte kämpfen, sie hat gekämpft und gemeinsam mit ihrem Mann alles versucht, Erik zu retten, ihm die Schmerzen zu nehmen und ihn ein ganz normales Kind sein zu lassen.
Aber nicht nur das: Sie hat alles versucht, der heute zwölfjährigen großen Tochter Vivien trotz dieses nur schwer zu ertragenden Schicksalsschlags ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen.

Es folgten verschiedene Therapien für Erik, die mehr oder weniger anschlugen und die der Sechsjährige mehr oder weniger gut vertragen hat. Zwischendurch ließen die Untersuchungsergebnisse ein wenig Hoffnung aufkommen, wenn das MRT gezeigt hat, dass der Tumor nicht gewachsen oder sogar kleiner geworden ist.
Und zwischendurch gab es viele schöne Momente für den Jungen. Reisen mit seiner Familie, Tagesausflüge und im August sogar die große Einschulung. Ja – Erik durfte seine Schultüte alleine tragen, mit dem Ranzen in seine Klasse gehen und zumindest für einige Tage das tun, was jeder Junge in seinem Alter macht – in der Schule lernen. Lange schaffte er das leider nicht, aber auch im Krankenhaus bekam er noch Unterricht und hatte Freude daran.

Doch irgendwann in den vergangenen Wochen musste die Familie den Gedanken zulassen, dass Erik seinen schweren Kampf nicht mehr gewinnen kann. Erik durfte nach Hause in seine vertraute Umgebung und wurde weiterhin liebevoll umsorgt. Noch vor wenigen Tagen hatte der Sechsjährige ein sehr schönes Erlebnis. Er lachte und freute sich im UC Kino Rügen – in einem Kinosaal nur für ihn und seine Freunde. Es war das letzte Mal, dass seine Freunde ihn Lachen sahen. Am Donnerstag um 9.53 Uhr schloss der kleine Kämpfer für immer seine Augen.

„Wir hoffen, dass er nun endlich wieder Laufen, Radfahren und schwimmen kann…einfach wieder unser unbeschwerter und fröhlicher Schatz sein kann. Unsere Herzen sind zerrissen, wir können es nicht begreifen. Wir vermissen Dich so unendlich. In liebe Mami, Papi und Vivi“, schreibt Annett auf Facebook.

Liebe Annett, ihr ward für Erik die besten Eltern der Welt. Er ist mit dem Gedanken eingeschlafen, bis zur letzten Sekunde von Euch über alles geliebt und beschützt worden zu sein. Mit mir sind jetzt sehr, sehr viele Müritzer in Gedanken bei Euch.

Mach’s gut, kleiner Erik.


3 Antworten zu “Ein persönlicher Nachruf”

  1. Felix sagt:

    Oh man das is das schlimmste was Eltern passieren kann! Ich wünsche viel Kraft für die Zukunft.
    Ruhe in Frieden kleiner mann

  2. S.Woldmann sagt:

    Für einen Artikel, der dass Unbeschreibliche in so mitfühlende Worte fasst möchte ich mich bedanken! Ich habe die Geschichte von Erik nicht gekannt, da ich im Harz lebe. In wenigen Momenten des Lesens hat mich das Schicksal dieser Familie erfasst und berührt.
    Danke und viel Kraft für die Familie
    S.Woldmann

  3. Axel Berger sagt:

    Als ich von dem Schicksal der Familie las, war ich mit meiner Frau auf einer Kreuzfahrt. Von einer Sekunde auf die andere war diese bis dato traumhafte Reise nebensächlich. Man kann nicht in Worten fassen wie sehr mich dieses Schicksal ergriffen hat .
    Es gibt keine passenden Worte um der Familie Trost zu spenden. Es ist ein riesiges Loch in das Sie gefallen sind .
    Meine Gedanken und die meiner Frau sind ständig bei der Familie.

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