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Test: Der Alltag ist noch lange nicht barrierefrei

1. Januar 2019

Wie ist es um die Barrierefreiheit in unserem Alltag bestellt? Sind zum Beispiel Einkaufszentren, Kinos, Kliniken, Volkshochschulen und Einwohnermeldeämter barrierefrei? Ein Verbraucherschutztest des ADAC zeigt: Es gibt noch viel zu tun.
Fast acht Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland. Dazu zählen nicht nur motorisch eingeschränkte Personen wie Rollstuhlfahrer, sondern auch Sehbehinderte und Blinde, Schwerhörige und Gehörlose sowie geistig Behinderte. Barrierefreiheit dient aber nicht nur behinderten Menschen, sondern nutzt zum Beispiel auch Menschen mit Kinderwagen oder Gepäck sowie älteren Bürgern.

Wie gut ist der barrierefreie Zugang zu Einrichtungen des täglichen Lebens umgesetzt? Diese Frage stand im Zentrum des Tests zu der Barrierefreiheit in deutschen Städten. Das Ergebnis zeigt: Sowohl Kommunen als auch Betreiber der einzelnen Einrichtungen bemühen sich um Verbesserungen. Bis zum Ziel einer völligen Barrierefreiheit ist es aber noch ein langer Weg.

Größtes Problem: Treppen, Rampen und Aufzüge

Zunächst die negativen Aspekte des Tests: Keine einzige der 90 Treppen im Test konnte die Anforderungen kompletter Barrierefreiheit erfüllen. Die Kanten der Stufen, zumindest der ersten und der letzten, waren nur selten markiert. Noch seltener gab es Aufmerksamkeitsfelder am oberen Anfang der Treppe, die vor einem Absturz warnen. Am besten schnitten noch die Treppen an Haltestellen ab, am schlechtesten die am Zugang der Einrichtungen. Das gleiche Verhältnis ergab sich bei den Aufzügen. Von allen 75 Aufzügen im Test genügte nicht einmal ein Drittel allen Ansprüchen. Bei den Rampen waren es sogar nur 17 Prozent. Hier taten sich die Zugänge der Einrichtungen positiv hervor, während die Innen- und Parkbereiche ein trauriges Bild abgaben.

Häufig zu hoch: Bedienelemente für ÖPNV-Tickets

Probleme machen auch die oft zu hoch angebrachten Bedienelemente an ÖPNV-Ticket- und Parkscheinautomaten, die von Rollstuhlfahrern und Menschen mit motorischen Einschränkungen der Arme nur schwer oder gar nicht zu erreichen waren. Das war bei fast zwei Drittel der Parkscheinautomaten und bei mehr als drei Viertel der ÖPNV-Ticketautomaten der Fall. Nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern auch für andere Gehbehinderte, ist es schlecht, wenn es an Haltestellen gar keine Ticketautomaten gibt, und sie sich im fahrenden Bus oder Zug, womöglich weit entfernt von dem für sie benutzbaren Einstieg, ein Ticket kaufen müssen. Blinde und Sehbehinderte brauchen Bedienelemente mit Braille oder 3D-Schrift. Touchscreens können sie gar nicht betätigen, weil sie die einzelnen Buttons nicht ertasten können.

Fehlten oft: Bodenindikatoren für Sehbehinderte

Blinde und Sehbehinderte müssen mit Hilfe von Leitlinien durch den öffentlichen Raum geführt werden. Sind keine natürlichen Führungen vorhanden wie zum Beispiel Hauswände, braucht es Bodenindikatoren. Insbesondere an Haltestellen sind solche Platten mit Noppen oder Rippen zwingend erforderlich – nicht nur, um diese Menschen zu leiten, sondern um sie vor einem einfahrenden Zug oder Bus zu schützen. Im Test fehlten diese tastbaren Sicherheitsstreifen bei rund der Hälfte der Haltestellen. Kontrastreich gestaltet waren sie bei rund zwei Drittel. Fahrgastinformationen per Ansage waren nur bei einem knappen Drittel der Haltestellen zu erhalten.

Wünschenswert: Mehr Informationen im Internet

Äußerst hilfreich nicht nur für behinderte Menschen, aber besonders für sie, sind Informationen im Internet. Unsere Tester haben hier nicht die Barrierefreiheit der Seiten selbst geprüft, sondern, ob generell Informationen zur Barrierefreiheit einer Einrichtung und deren Erreichbarkeit gegeben wurden. Da liefen sie aber zu oft ins Leere. Nur drei der 50 Testobjekte erfüllten alle geforderten Kriterien. Am meisten Informationen stellten die Einkaufszentren zur Verfügung, am wenigsten die Einwohnermeldeämter.

Wenig Sensibilität für Alltägliches

Viele Prüfpunkte lieferten ein „ja, aber…“. So war vor Theken, Automaten und in Aufzügen zwar genügend Freiraum, allerdings waren Theken nur selten zu unterfahren. Durchgänge zwischen Hindernissen auf öffentlichen Wegen oder in den Einrichtungen waren fast immer ausreichend breit, die Hindernisse selbst aber nicht immer kontrastreich gestaltet. Manchmal war es auch nur ein Putzwagen oder ein anderes mobiles Teil, das jemand gedankenlos geparkt hatte. Die barrierefreien Toiletten entsprachen meist der Norm und waren gut zu nutzen. Doch auch hier behinderten Mülleimer, Dekorationen oder nicht klappbare Wickeltische die Bewegungsfreiheit – was sich ebenfalls leicht abstellen ließe.

Ein lachendes und ein weinendes Auge in Sachen barrierefreie Parkplätze: In Parkanlagen entsprachen sie in der Regel den gesetzlichen Anforderungen. Längsparkplätze auf der Straße haben allerdings einen Nachteil: Wer hier auf der Fahrerseite aussteigt, steht mitten im Verkehr. Das kann insbesondere für Rollstuhlfahrer, aber auch für andere Gehbehinderte, zum Problem werden.

Meist barrierefrei: Wege und Kreuzungen

Zu den positiven Aspekten des Tests: Die Wege auf Parkplätzen und in den Einrichtungen waren meist eben und damit gut begeh- und befahrbar sowie, ebenso wie vorhandene Rampen, ausreichend breit. An fast allen Haltestellen gab es überdachte Sitzmöglichkeiten. Ampeln waren sehr häufig mit einem tast- oder hörbaren Signal ausgestattet, und die Taster fast immer gut zu erreichen. Kreuzungen waren für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer in den meisten Fällen zu bewältigen, wenngleich der Bordstein nicht immer völlig abgesenkt war. Das allerdings kommt Blinden und Sehbehinderten zugute, die eine Schwelle zum Tasten brauchen, zumal meist Bodenindikatoren gefehlt haben. Ein Kompromiss also, der beiden Gruppen Rechnung trägt.

Fazit: Das Ergebnis des Tests zeigt: Verbesserung der Barrierefreiheit muss nicht immer mit hohen Kosten und aufwändigen Umbauten verbunden sein. So ist zum Beispiel die Markierung von Stufen oder Pollern relativ einfach umzusetzen. Noch mehr wäre allerdings gewonnen, wenn bei allen Um- oder Neubauten barrierefreie DIN-Maße eingehalten oder Kompromisse unter Einbeziehung von Betroffenen geschlossen werden würden. Barrierefreiheit darf jedoch nicht nur in den Köpfen von Verantwortlichen verankert sein. Sie betrifft uns alle – früher oder später.


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