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Ein Ausgabetag bei der „Warener Tafel“

22. Januar 2023

Die Tafeln in Deutschland sind gegenwärtig wichtiger denn je. Kaum ein Tag, an dem es in den Medien keine Berichte über den Ansturm auf die Tafeln gibt. Vor allem nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine, so die Statistiken, ist die Zahl derjenigen, die auf Lebensmittel von der Tafel angewiesen sind, enorm gestiegen.
„Wir sind Müritzer“ wollte wissen, wie es bei der Warener Tafel aussieht, die seit mehr als 25 Jahren bedürftige Menschen der Müritz-Region versorgt. Und so waren wir in dieser Woche bei einem Ausgabe-Termin von Lebensmitteln dabei, haben mit dem engagierten Chef gesprochen, mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, aber auch mit Kunden. Entgegen unserer Befürchtung hatte niemand Bedenken, mit uns über den Besuch bei der Tafel und die Gründe dafür zu sprechen. Die Menschen waren unwahrscheinlich offen und vor allem, sehr, sehr dankbar für das Angebot, das sie nutzen können.

Dreimal in der Woche werden die Lebensmittel in Waren ausgegeben – das Haus am Wiesengrund ist unscheinbar, die Bedingungen für die Tafel nach Auskunft von Chef André Rath aber ideal – genug Platz für Kühlzellen, Gefriertruhen und um Lebensmittel zu lagern, eine Ausgabestelle, an der es keine Drängelei gibt, sowie ausreichend Raum für das ständige Be- und Entladen. 

Mit fünf Transportern sind die rund 25 Mitarbeiter – davon der größte Teil ehrenamtliche Helfer – an sechs Tagen in der Woche unterwegs, um Lebensmittel einzusammeln. Und zwar nicht nur in der Region, sondern auch viele, viele Kilometer weit weg. Und so fahren die Tafel-Mitarbeiter im Jahr um die 100 000 Kilometer. Nicht nur, um Lebensmittel zu besorgen, sondern sie liefern auch aus. Sieben weitere Ausgabestellen gibt es: In Malchow, Möllenhagen, Rechlin, Nossentiner Hütte, Alt Schwerin, Röbel und Penzlin. Bedürftige, die aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen nicht selbst zur Tafel kommen können, werden beliefert.

Nummer ziehen wie beim Glücksspiel

Alles in allem erhalten etwa 650 Personen in der Müritz-Region Woche für Woche ihre Lebensmittel von der Tafel. Trotz Inflation und der gestiegenen Preise, sind es in den vergangenen Wochen nach Auskunft von André Rath nicht mehr Einheimische geworden. Dennoch kamen mehr Kunden zur Tafel – Menschen aus der Ukraine. Regelmäßig um die 70. „Diese Zahl ändert sich ständig, da die Geflüchteten entweder in anderen Städten unter kommen oder auch wieder zurück in die Heimat gehen“, erzählt der 51-Jährige Rath. Er kennt die „Tafel“ und das Drumherum in- und auswendig, seit vier Jahren leitet er sie. Ein Job, der viel fordert, aber ein Job, der ihm Spaß macht, wie er sagt.

Es ist Mittwoch, 12.45 Uhr. In den Räumen am Wiesengrund wird ordentlich gewirbelt. Kisten mit Obst, Gemüse, Joghurt stehen akkurat sortiert hinterm Ausgabetresen. In knapp 15 Minuten dürfen die ersten Kunden in den Raum. Einige von ihnen stehen bereits vor der Tür. Mit einem Zettel in der Hand. Denn sie waren an diesem Tag bereits morgens da und haben eine Nummer „gezogen“. Ein bisschen wie beim Glücksspiel. Nur geht es hier nicht um Geld, sondern um die besten Lebensmittel. „Wir nutzen diese Methode, weil sie in unseren Augen gerechter ist. Die Kunden ziehen die Nummern und wissen, wann sie an der Reihe sind. So hat jeder die Chance, unter den ersten zu sein und eben von allen Dingen noch etwas abzubekommen. Denn manchmal ist am Ende der Ausgabezeit nicht mehr von allem etwa da“, erklärt André Rath. Koordinatorin Carmen Rutenberg stimmt ihm zu: „Seit wir das so machen, gibt es keine Probleme und keinen Unmut mehr“, berichtet die agile Mitarbeiterin der Tafel.

Weniger Fleisch

Die Lebensmittel kommen vor allem aus Märkten der Region, aber auch von kleineren Erzeugern, die regelmäßig spenden. Am Mittwoch gibt’s beispielsweise richtig große Eier, die von den Kunden sehr gerne mitgenommen werden. Doch seit einiger Zeit ist es schwieriger geworden, die Lebensmittel zu bekommen. „Die Supermärkte haben nicht mehr so viel übrig, die Preise für Lebensmittel sind hoch. Das bekommen wir natürlich auch zu spüren“, berichtet André Rath. Vor allem Fleisch und Wurst gibt es bei der Warener Tafel nur selten, aber auch Obst und Gemüse sind weniger geworden. Joghurt und Pizza sind dagegen keine Mangelware. Auch nicht am Mittwoch. Die landen in jedem Beutel.

Punkt 13 Uhr dürfen die ersten Kunden in die Ausgabestelle. Alles läuft sehr routiniert, ruhig und organisiert, hier und da werden ein paar Worte gewechselt, es wird gescherzt – und bezahlt. Die 2,50 Euro, die pro Person fällig werden, sind eher symbolisch.
An der ersten Ausgabeklappe fallen nur wenige Worte: „Eine Person, zwei Personen, drei Personen“, ruft ein Helfer, dann werden die selbst mitgebrachten Beutel herüber gereicht und die Ehrenamtlichen packen – entsprechend der ausgerufenen Personenzahl: Obst und Gemüse, frische Lebensmittel und Brot. Am Eingang gibt’s einen Korb mit Dingen, die sich die Kunden selbst aussuchen können. Am Mittwoch sind es bunte Blumensträuße, die gerne genommen werden.

Zu den ersten an diesem Tag gehört Christina, 64 Jahre alt und seit über 20 Jahren Nutzerin der Tafel. Ihre Witwenrente reicht nicht aus, um alles, was man zum Leben braucht, im Supermarkt zu kaufen. Die Tafel hilft, einigermaßen über die Runden zu kommen. „Ich bin sehr froh über dieses Angebot. Die Mitarbeiter hier sind einfach super“, erzählt die Warenerin, die mit drei vollen Beuteln los zieht. Was dort drin ist, weiß sie noch nicht. „Das ist dann zu Hause immer ganz spannend, wenn ich die Sachen auspacke.“

Hinterm Tresen steht unter anderem Irina. Sie hilft seit fünf Jahren mit – ehrenamtlich und fast jeden Tag. „Es macht mir Spaß, und ich habe sehr nette Kollegen“, begründet sie ihr Engagement. Ronny ist schon länger dabei. Als Kraftfahrer, die sind knapp und werden immer gesucht. Momentan macht er 18 Monate lang den Bundesfreiwilligendienst und bekommt dafür wenigstens ein bisschen Geld. Viel Zeit zum Reden hat er nicht, die nächsten Kunden stehen an der Klappe.

Hemmschwelle vor allem bei älteren Menschen

Unter anderem Nicole. Sie ist 33 Jahre, hat einen Teilzeitjob und einen Freund, der aufgrund einer Erkrankung nicht arbeiten kann. Die Lebensmittel, die sie einmal in der Woche von der Tafel holt, reichen etwa drei Tage, dann muss auch sie in den ganz normalen Supermarkt. Schämt sie sich, Kundin der Tafel zu sein? „Nein, ich bin froh, dass es sie gibt. Man kennt sich hier schon, alle sind nett und vermitteln uns nicht das Gefühl, dass wir minderwertig sind“, sagt die junge Frau.

Doch André Rath weiß, dass es bei einigen Menschen nach wie vor eine Hemmschwelle gibt, den Weg zur Tafel zu suchen. „Vor allem ältere Leute zögern häufig. Aber niemand muss Angst haben, zu uns zu kommen. Wir wollen helfen. Dafür sind wir da“, sagt der 51-Jährige.

Christiane hat es eilig, lässt sich ihre Tüten fix voll packen und will ganz fix wieder los. Sie arbeitet für einen Pflegedienst und holt die Lebensmittel für einen Patienten. Einen älteren Mann, dessen Rente hinten und vorne nicht reicht. „Es ist schon sehr traurig, wenn man sieht, dass Menschen ihr Leben lang gearbeitet haben und dann das Nötigste nicht bezahlen können. Das macht mich manchmal richtig wütend“, erzählt die aufgeschlossene Frau, die regelmäßig zum Wiesengrund kommt, damit ihr Patient genügend zu Essen hat.

Mit Tafel, Bürgergeld und Co. gut eingerichtet

Ein leben lang gearbeitet hat auch Gabriele. Sie ist 74 Jahre alt und hatte anfangs Probleme, sich ihre Lebensmittel bei der Tafel zu holen. Ein Teil ihres Berufslebens war sie selbstständig und hat in dieser Zeit keine Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt. Das rächt sich jetzt, ihre Rente ist sehr gering, ohne die Tafel wäre es sehr, sehr schwierig. Doch auch wenn sie selbst nur wenig hat, teilt sie noch. Von ihren Lebensmitteln bringt sie auf dem Rückweg noch etwas bei einer Bekannten vorbei.

Auf dem Weg zum Auto begegnen wir einer jungen Frau, die gerade ihren Kofferraum voll packt. „Sind doch alles super Sachen hier. Für 2,50 Euro. Dafür würde ich im Discounter mindestens 50 Euro bezahlen. Ich komme gut klar mit den ganzen Hilfen. Als ich noch gearbeitet habe, war ich oft genervt und gestresst. Jetzt geht’s mir gesundheitlich gut“, redet sie frei heraus und macht keinen Hehl daraus, dass sie sich mit Tafel, Bürgergeld und Co. gut eingerichtet hat. „Sehen Sie mir an, dass ich zur Tafel gehe“, fragt sie noch und zeigt auf ihre Kleidung.

Nach einer Stunde schließt die Ausgabe an diesem Tag. Die vielen ehrenamtlichen Helfer haben aber noch keinen Feierabend. Sie müssen die noch vorhandenen Lebensmittel sortieren, in die Kühlung räumen und die kommenden Tage vorbereiten. Arbeit bei der Warener Tafel ist eben mehr, als nur ein paar Äpfel und Butter über den Tresen zu reichen.

Auch André Rath hat noch nicht Schluss. Schließlich muss er dafür sorgen, dass immer genügend Lebensmittel am Wiesengrund bereit stehen. Ohne viele Spender würde das nicht gehen. „Wir haben regelmäßige Spender, aber auch Menschen, die einfach helfen wollen, Geld geben, obwohl sie vielleicht selbst nicht viel haben. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.“

Am allerliebsten würde er aber etwas anderes verkünden: Das Ende der Tafeln in Deutschland – weil sie nicht mehr gebraucht werden.

Wer die Warener Tafel unterstützen möchte:
Spendenkonto: Müritz-Sparkasse   IBAN: DE75 1505 0100 0700 1011 79


Eine Antwort zu “Ein Ausgabetag bei der „Warener Tafel“”

  1. Katrin Umbreit sagt:

    Ich finde es toll, dass Sie die junge Frau, die ihr Auto vollppackt und sich im System eingerichtet hat, statt zu arbeiten, nicht verschweigen.

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